Freitag, 13. Juli 2012

Settling in


13.07.2012, 16.36 Uhr
Pune

Da ich nun schon ein paar Tage in Pune verbracht habe, ist es glaube ich an der Zeit, mal wieder ein Update zu schreiben. Während der Fahrt vom Flughafen zum Haus, in dem ich zur Zeit wohne, konnte ich schon einmal einen kurzen Eindruck von der Stadt gewinnen, auch wenn ich extrem müde und nicht mehr so aufnahmefähig war. Es ist schwer zu sagen, was einem zuerst ins Auge springt, wenn man sich auf die Straßen Punes begibt. Zum einen ist da der Verkehr, der durch eine Straßenverkehrsordnung geregelt ist, an die sich niemand, wirklich niemand hält. Wo eine Lücke entsteht, fährt man hinein - in der Regel macht man sich vorher durch Hupen aufmerksam. Gleiches gilt auch beim Überholen (man überholt und wird sowieso ständig überholt) und beim Abbiegen oder Fahren auf eine Kreuzung. Wer in Deutschland so fahren würde wie die Leute hier, wäre nach wenigen Tagen seinen Führerschein los. Dann sind da natürlich die Straßen an sich, wobei ich nicht den Asphalt meine, denn der ist in der Regel recht gut in Schuss. Vielmehr meine ich das, was man so entlang der Straßen sieht. Überall wird gebaut und das zum Teil auf krudeste Weise, wo bei uns jeder Statiker und Bauleiter einen Herzinfarkt bekommen würde. 
Könnte auch Chemnitz sein
Es ist dreckig, das muss man einfach mal so sagen. Der Müll landet dort, wo er den Leuten aus der Hand fällt. Ab und an steht man mal ein großes Schild, das wie ein Public Service Announcement die Leute zur Besonnenheit aufruft - manchmal was die Verschmutzung der Stadt angeht, manchmal bezüglich der Sicherheit im Straßenverkehr. Solche Bitten fallen zumindest nach meinem Eindruck auf taube Ohren. Dann sind da noch die Tiere, die sich auf den Straßen tummeln, allen voran streunende Hunde, die man praktisch überall sieht, wie sie auf der Straße lümmeln (mal mehr, mal weniger lebendig). Manchmal sind es auch Pferde oder ausgemergelte Kühe, die auf einem Müllberg grasen.

            
 Zur Zeit wohne ich im Haus meiner DAAD-Lektorin, die das erst kürzlich mit ihrer Familie bezogen hat und zur Zeit Urlaub und Fortbildung in Deutschland macht. Wenn man vor der Haustür dieses schönen, geräumigen Zwei-Etagenhauses steht, das von ähnlichen Häusern umgeben ist, könnte man fast denken, man befindet sich in einem US-amerikanischen Suburb - nur dass eben draußen die Dritte Welt anfängt. 
 



In der Dritten Welt ist es aber zum Glück grad fast den ganzen Tag bewölkt, weshalb die Temperatur kaum über 30 Grad steigt und in der Regel immer ein laues Lüftchen weht, wodurch es auch in meinem Zimmer sehr angenehm ist. Der Monsun hat sich bisher auch noch nicht gemeldet, was aber jederzeit passieren kann.
           
Mein Zimmer


Obwohl ich einen Scooter habe, ich werde ihn wohl Sascha nennen, bin ich damit noch nicht im Straßenverkehr unterwegs gewesen. Das hat mehrerlei Gründe: zum einen die Verkehrslage, zu der erschwerend noch hinzukommt, dass die wie die Engländer auf der falschen Straßenseite fahren. Außerdem ist die Stadt einfach riesig, da verliert man sich leicht, vor allem deshalb, weil Schilder mit Straßennamen kaum existieren, man also im Voraus schon ziemlich genau wissen muss, wo man ist und wo man hin will. Und mal ganz davon abgesehen, hatte ich auch noch keine Zeit, mich mit Sascha zu beschäftigen, worum ich mich aber dieses Wochenende einmal kümmern möchte.
Sascha
            Den ersten Tag, also am Mittwoch, dachte ich mir, ich könnte ja einfach einmal zur Uni laufen, das konnte ja gar nicht so weit weg sein. Schließlich sind wir ja auf der Fahrt vom Airport, wo mich Dennis, der Fahrer meiner Lektorin, abgeholt hatte, daran vorbeigefahren. Offenbar war ich zu dem Zeitpunkt nicht mehr aufnahmefähig, denn ich hatte mich extrem verschätzt, was die Distanzen hier in der Stadt angeht. So bin ich zum Universitätscampus dann fast zwei Stunden über eine Distanz von zehn Kilometern gelaufen. Dort hatte ich auch meine erste unschöne Begegnung: Den letzten Kilometer war ich mit einer Rikscha gefahren und als ich ausstieg, sprach mich auf dem Bürgersteig direkt ein Student an, ob ich auch zur Uni wolle. Wir kamen ins Gespräch und ich dachte mir, ich begleite ihn mal ein Stück, sodass er mich hoffentlich in die richtige Richtung weisen konnte. Konnte er nicht, aber er wollte mir zumindest den Weg zum Main Building zeigen. Auf dem Weg dahin kam er ziemlich schnell zur Sache und fragte mich nach meiner sexuellen Orientierung. Er habe ja ein Faible für ausländische Studenten (und das nachdem ich ihm gesagt hatte, dass ich kein Student, sondern ein Lehrer an der Uni sei), sei bisexuell und wollte mich vehement und explizit dazu überreden, das doch wenigstens einmal zu probieren. Um Erfahrungen zu sammeln, you know? Da half auch mehrfaches freundliches, aber bestimmtes Ablehnen nichts. Auf den interkulturellen Austausch habe ich dann jedenfalls lieber verzichtet.
            Den Typen bin ich dann zum Glück los geworden und konnte mich auf die Suche nach dem Ranade-Institut machen, an dem ich unterrichten soll und wo ich mich mit Anuj, einem indischen Mitarbeiter vom DAAD, später am Nachmittag treffen wollte (mittlerweile war es nach zwölf Uhr). Ja, nur konnte mir irgendwie keiner sagen, wo sich das Institut befinden soll. Die meisten hatten gar nicht davon gehört. Schließlich konnte mich dann ein blinder(!) Dozent für Brailleschrift in die richtige Richtung weisen: das Fergusson-College. Das befand sich aber gar nicht auf dem Campus der Universität, sondern war weiter in der Innenstadt. Also nahm ich eine der Rikschas am Straßenrand und fragte den Fahrer, ob er mich dahin bringen könnte.
Rikschas

            An dieser Stelle ist es vielleicht sinnvoll, einen kleinen Exkurs zu machen, was die Rikschas in Pune angeht. Als Ausländer, vor allem als weißer, ist man in Pune, wahrscheinlich in ganz Indien, ein wandelndes Dollarzeichen. Wenn man da nicht weiß, worauf man achten muss, wird man ohne mit der Wimper zu zucken über den Tisch gezogen. Bei den für deutsche Verhältnisse geringen Beträgen, um die es da geht, ist das oft noch zu verschmerzen, aber auf Dauer summiert sich das natürlich und wer bezahlt schon gern mehr als er muss? Man sollte immer darauf insistieren, dass mit Meter (Kilometerzähler) gefahren wird, anhand dessen sich recht leicht ausrechnen lässt, was eine Fahrt kosten darf (Kilometerstand x 10 +1 Rupien; der Zähler startet bei 1 km, 11 Rupien bezahlt man also immer, aber in der Regel fährt man ohnehin mehr als 1 km). Die Formel dafür habe ich online gefunden, allerdings erst gestern. Bis dahin habe ich mir von den Fahrern wohl mehr oder weniger was vom Pferd erzählen lassen und häufig viel mehr bezahlt als ihnen zustand. Man kann vorher mit den Fahrern Preise aushandeln, aber das ist nicht zu empfehlen, da das eigentlich immer zu ihren Gunsten ausfällt. Wenn ein Fahrer nicht kooperationsbereit ist, direkt wieder aussteigen und einen neuen suchen. Gleiches gilt im Übrigen auch für den Einkauf, die kleinen Stände, die Obst und Gemüse verkaufen, einmal ausgenommen. Auf abgepackten Waren ist eigentlich immer ein "Max Retail Price" aufgedruckt, für die die Waren über den Tisch gehen können - das muss man aber wissen, denn das hält die Händler mitunter nicht davon ab, trotzdem mehr zu verlangen. Natürlich in der Hoffnung, dass das dumme Weißbrot aus Deutschland das nicht merkt.
Das dumme Weißbrot
            Aber egal, wo war ich? Es war das Jahr Neunzehn-Sechsundzwickig - ich sage bewusst "Zwickig", da uns der Maharadscha das "Zwanzig" geklaut hatte und ich in Pune war, um es zurückzuholen. Diese Queste führte mich also zum Furgusson-College, wo ich eine Weile über den Campus lief und das Institute of Foreign Languages suchte. Fand es aber wiederum nicht und auch die fünf Leute, die ich fragte, wussten entweder nicht, wo es war, sprachen kein Englisch (was mir ziemlich negativ auffiel) oder schickten mich in die komplett falsche Richtung. Mittlerweile hatte ich mir auch an beiden Füßen Blasen gelaufen (ich hatte locker eine Distanz von über 10 Kilometern zurückgelegt), was dazu führte, dass mich falsche Richtungsangaben mit jedem Mal mehr nervten. So wurde ich von einem Campus auf den anderen geschickt. Lief dahin, lief dorthin, vor, zurück, im Kreis. Nach zweieinhalb Stunden hatte ich dann das Ranade gefunden, welches sich auf keinem der Campusse befand, sondern separat gelegen war (allerdings nicht wirklich weit vom FC entfernt). Es war auch mittlerweile halb 4 geworden und um 4 wollte ich mich mit Anuj dort treffen, was dann zum Glück auch klappte. Ich war schon kurz davon, eine Rikscha nach Hause zu nehmen, weil ich das Institut ums Verrecken nicht finden konnte. Seitdem habe ich auch eine indische SIM-Karte (Vodafone) und bin unter meiner alten Nummer nicht mehr zu erreichen. Wer die Nummer haben möchte, kann mich gern im FB oder per E-Mail anschreiben.
            Nachdem wir dann einen Kaffee getrunken hatten, machte ich mich per Rikscha auf den Weg nach Hause, wobei ich wiedermal zu viel bezahlte und nicht einmal dort abgesetzt wurde, wo ich eigentlich hin wollte - mittlerweile ist mein Verhandlungsgeschick diesbezüglich deutlich besser, sodass ich mich nicht mehr von den teils unverschämten Fahrern unterbuttern lasse, die einem mit immer neuen Ausreden und Bullshitstorys kommen, weshalb ich mehr bezahlen "muss" als eigentlich der Fall ist. Abends bin ich dann auch nur noch ins Bett gefallen.
            Und zum Abschied gibt's noch was Flauschiges für die Damen:


1 Kommentar:

  1. Das kommt mir alles super bekannt vor... Uganda ist genau so. Naja, in den ersten Wochen merkst du schon, wie du mit den Fahrern sprechen musst, damit du den normalen Preis bekommst. Vielleicht traust du dich ja auch bald auf Sascha. ;) (Dazu möchte ich unbedingt ein Foto sehen!)
    Und zu letzt: Genau so ein Himmelbett hab ich mir immer gewünscht! Voll Vintage. Sehr schick. ;) Schlaf gut.

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