Samstag, 14. Juli 2012

Ausflug nach China


14.07.2012, 22.07 Uhr
Pune

Oh man, was für ein erster Ausflug mit Sascha. Eigentlich war es ja mein Plan, nur kurz zum Cornershop zu fahren, fix zu tanken und mir dann einen kleinen Imbiss oder ein Restaurant zu suchen, wo ich günstig und gut essen konnte. Cornershops, das muss ich vielleicht erklären, sind so kleine Läden, in denen man fast alles bekommen kann, was man braucht und die mehr oder weniger sieben Tage die Woche geöffnet haben. Der, der sich hier ganz in der Nähe befindet, wird von einem sehr freundlichen Inder geführt, der mir bisher auch immer nur so viel für meine Sachen berechnet hat, wie auf der Verpackung steht.
            Wie dem auch sei, ich habe dort meine nötigen Einkäufe erledigt, diese dann in meinem Rucksack verstaut und mich auf den Weg zur Tankstelle gemacht, also zum ersten Mal in den richtigen Verkehr getraut. Das war allerdings gar nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte. Schließlich war es auch schon 19 Uhr, fast dunkel und am Samstag - zur Rush Hour drängen sich da deutlich mehr Vehikel über den Asphalt. Um diese Uhrzeit aber waren es aber nur ungefähr so viele Verkehrsteilnehmer wie bei uns in Deutschland zu den Stoßzeiten. Trotzdem bin ich heil an der Tankstelle angekommen, auch wenn ich fast einmal gegen den Bordstein geschrammt wäre, weil sich der Bremshebel am rechten Griff hinter dem Gas befindet und man aufpassen muss, nicht zu bremsen und trotzdem noch zu beschleunigen. Aber hey, ich trage ja einen Helm - im Gegensatz zu 99% der Zweiradfahrer hier.
            Nun ja, nachdem ich getankt hatte, fuhr ich die Baner Road - das ist die Hauptverkehrsstraße, die die Pampa, in der ich wohne, mit dem Zentrum verbindet - weiter entlang. Leider boten sich auf der linken Seite keine Speisegelegenheiten mehr und plötzlich befand ich mich schon auf der Straße Richtung Zentrum und konnte erst einmal nicht mehr wenden. Ich machte aus der Not eine Tugend, bog links ab und dachte mir, ich gehe einfach in das nächste Restaurant, das ich am Straßenrand sehe. Ich musste gar nicht weit fahren und sah linker Hand in roten Lettern den Namen "MainlandChina" prangen - eine Kette von chinesischen Restaurants in Indien, wie mir Google mittlerweile verraten hat. Und was für eine Kette. Ich hatte ja keine Ahnung, was mich dort erwarten sollte.
            Zuerst einmal hätte mich schon der Empfang stutzig machen sollen: Dort stand ein Mann an einem dieser Tische, wie man sie aus dem Fernsehen kennt - ihr wisst schon, wo so ein Buch drauf liegt, in dem die Reservierungen und die Namen der Gäste eingetragen werden. Ich fragte direkt, ob man hier nur mit Reservierung speisen dürfe, was er verneinte und prompt nach meinem Namen fragte, den ich ihm buchstabieren musste. Wahrscheinlich hätte ich an dieser Stelle umdrehen sollen, aber da sich niemand schützend zwischen mich und die Eingangstür werfen wollte, trat ich ein. Natürlich hielt der Rezeptionist mir die Tür auf. Natürlich. Als ich eingetreten war, wurde mir sehr schnell klar in was für einem Restaurant ich mich hier befand: Alles war stilvoll eingerichtet, farblich aufeinander abgestimmt - rot und schwarz dominierten - die Kellner trugen Anzüge, manche hatten sogar einen dieser roten Mandarin-Hüte auf (allerdings mit weniger Zier, sondern schlicht mit schwarzem Rand und rotem Skalp). Aus den Lautsprechern, die zu hören, aber nicht zu sehen waren, tönte leise Jazzmusik. Ruhig, hauptsächlich Klavier. Ich befand mich in einem Edelschuppen. Den Motoradhelm immer noch in der Hand, in Jeans und T-Shirt und den Rucksack leicht geschultert, der mit meinen Einkäufen gefüllt war. In dem Moment fragte ich mich, wieso man mich überhaupt hier rein gelassen hatte. Aber zum Umkehren war es jetzt auch zu spät.
            Ich konnte ja immer noch Glück haben. Vielleicht war das "Mainland China" ja gar nicht so chic und so exklusiv... Nun, die Preise auf der Karte waren nicht in Ziffern abgedruckt, sondern ausgeschrieben als Wörter. So exklusiv war das. Obwohl ich sagen muss, dass ich im ersten Moment Angst hatte, es stünden überhaupt keine Preise an den Gerichten, da das eins von diesen Restaurants sein könnte, wo es ohnehin egal ist, wie viel etwas kostet, da die Klientel sich mit solcherlei Dingen nicht zu bekümmern braucht. Das veranlasste mich immerhin ein wenig aufzuatmen. Als ich dann die Preise allerdings identifizieren konnte, war ich gleich wieder geschockt: Da gab es kein Hauptgericht, das weniger als 500 Rupien kostete und das ohne Beilage - die galt es separat zu bestellen. Ich Idiot hatte natürlich meine Kreditkarte nicht zu Hause liegen gelassen, sondern extra ausgepackt und auch kein zusätzliches Bargeld eingesteckt, weil ich eigentlich keines von beiden brauchen sollte. Wenigstens hatte ich mir bei dieser Gelegenheit einen Überblick über meine Finanzen verschafft und wusste auch noch, wie viel Geld ich beim Einkauf und beim Tanken bereits ausgegeben hatte. Jetzt aufzustehen und zu gehen, weil es mir zu teuer war, diese Blöße wollte ich mir dann doch nicht geben. Da bestelle ich mir lieber das zweitbeste Steak und den zweitbesten Fisch und gehe erhobenen Hauptes nach meinem Abendbrot nach Hause.
            Also bestellte ich, zusätzlich zu einer Flasche Wasser, das gebratene Lamm in Pfeffersoße und dazu Reis. Wahrscheinlich wäre es angemessen gewesen, mir vorher eine Vorspeise zu bestellen, wie das die feinen Leute so machen. Ich fand das Lamm ja schließlich auch unter der "Rubrik" "Main Cours", was hier wohl eher als Hauptgang zu verstehen war als als "Hauptgericht". Aber "angemessen" konnte ich mir schwerlich leisten und so blieb es dabei. Man brachte mir zu erst das Wasser, das mir wie eine Flasche guten Weines zu erst präsentiert und nachdem ich es abgesegnet hatte, eingeschenkt wurde. Alsbald folgte die Servierte, die der Kellner ausbreitete und sie mir über dem Schoß entgegen hielt, auf den ich sie dann legen sollte, was ich auch tat. Als das Essen dann auf zwei separaten Tellern kam, musste ich natürlich nicht selbst umschichten. So viel kann man ja wohl auch erwarten! Als sich meine erste Portion dem Ende neigte, war auch prompt ein Kellner an meiner Seite, der sich anbot, mir nachzureichen, wie es sich gehört. So ich denn zu Ende diniert hatte, war es an der Zeit, die Rechnung entgegenzunehmen.
            Um ehrlich zu sein, war mir bei den letzten Bissen schon fast das Essen im Halse stecken geblieben vor Sorge. Was, wenn das Geld doch nicht reichen würde? Nervös checkte ich nochmal meine Reserven. Aber auf der Karte stand auch was davon, dass die üblichen Steuersätze hier gelten. Was hieß das? Waren die Steuern schon einberechnet? Oder kamen die gar noch oben drauf - wie viel das ausmachen konnte, hatte ich ja bereits am Flughafen erlebt. Zögerlich öffnete ich das kleine Büchlein, in dem sich die Rechnung befand - das ist im Übrigen in Indien Gang und Gäbe; man bekommt das Buch mit der Rechnung, legt sein Geld hinein, der Kellner holt es ab und bringt darin das Wechselgeld zurück. Was dann noch drin steckt, wenn man geht, gilt als Trinkgeld. Ich öffnete also dieses kleine Büchlein und sah zu meiner Erleichterung, dass sich die Rechnung "nur" auf 910 Rupien belief, also ungefähr 14 Euro. Wenn man bedenkt, dass man bereits für ein Zehntel des Preises in Indien gut essen kann, ein kleines Vermögen. Ich ließ dennoch meine 90 Rupien als Trinkgeld zurück. Denn auch, wenn Trinkgeld in Indien eher unüblich ist, wollte ich in so einem Restaurant auch nicht als knausrig in Erinnerung bleiben - man sieht sich ja immer zwei Mal im Leben. Ich war zumindest froh, dass ich dort raus war und mich auf den nach-Hause-Weg begeben konnte. Satt war ich in jeder Hinsicht. (Fotos gibt es natürlich diesmal keine - ich wollte ja schließlich nicht noch mehr auffallen als ich es nach meinem Gefühl ohnehin schon tat.)

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