Entgegen
der landläufigen Meinung, dass man als Europäer in Indien gänzlich auf Fleisch
verzichten müsse, sieht es vor Ort dann doch anders aus. Auch wenn Kühe in
Indien mehr oder weniger heilig sind (zumindest, wenn sie nicht schwarz sind. Manche Dinge ändern sich halt nie) und unbehelligt auf den Straßen Freilauf haben und auch gern mal von einer Müllkippe naschen dürfen, werden die
meisten von ihnen irgendwann geschlachtet. Rinder werden allerdings nur selten
für den Verzehr gezüchtet bzw. gemästet. Wenn eine (heilige) Kuh ein bestimmtes
Alter erreicht hat, gehen auch sie irgendwann den Weg alles Köstlichen. Natürlich kann man dann das Fleisch, was dort produziert wird,
nicht mit deutschem Rindfleisch vergleichen. Ich meine damit allerdings nicht,
dass es von minderer Qualität ist, sondern, dass der Fettanteil geringer und
das Fleisch damit etwas zäher ist. Wer hier einen Gulasch machen will, der muss
sich auf eine längere Kochzeit einstellen, als man das von unserem Fleisch
gewohnt ist. Aber genau so einen Gulasch wollte ich kochen und so galt es nun,
erst einmal an Rindfleisch zu kommen.
Meine Kollegin Anja und ihre Familie
wohnen jetzt schon seit dreieinhalb Jahren in Indien. Und auch wenn sie zu
Anfang häufig indisch aßen, stellte sich nach einer Weile eine gewisse
Verdrossenheit ein und mittlerweile gibt es zu Hause fast ausschließlich
deutsche Hausmannskost. Hausmannskost auch deshalb, weil sich ihr Mann
Christoph ums Kochen, ihre Tochter Kira und die Einkäufe kümmert, während Anja
im DAAD-Büro hier in Pune arbeitet. Das hatte und hat für mich den Vorteil,
dass ich dadurch mit Christoph jemanden kennengelernt habe, der die Ins and
Outs von Pune kennt, gerade, wenn es darum geht, wo man hier gute (und
europäische) Sachen kaufen kann. Nachdem ich deshalb bei ihm eine Anfrage wegen
Rindfleischs gestellt hatte, bot er mir an, mich zum Shivaji Market (sprich: Chi-Wad-Chi)
mitzunehmen und mir dort den Fleischer seines Vertrauens vorzustellen.
| Keine Angst. Den Holzklotz kann man mehrfach benutzen. |
Der Geruch wurde intensiver als wir
den Bau zu unserer Linken betraten. Er war gefüllt mit Fleischerständen, hinter
denen Menschen noch wie früher das Fleisch verarbeiteten und es frisch „frisch“
vor den Augen etwaiger Kunden für diese zumeist auf einem abgewetzten Holzblock
zuschnitten. Hier darf man nicht nach Hygiene- und Gesundheitsverordnungen fragen.
Wenn man das tut, ist man in Indien ohnehin am falschen Ort. Aber vielleicht
sind wir in Deutschland auch nur so übervorsichtig geworden, was einige Dinge
angeht. Denn ich bin die letzten acht Wochen auch ohne jegliche...
Komplikationen ausgekommen – natürlich muss man auch etwas Vorsicht walten
lassen und möglichst an Orten essen, die zumindest Zugang zu fließend Wasser
haben. Straßenstände sind mir dann doch nicht so geheuer. Wie dem auch sei: Während
wir die paar Schritte zu unserem Fleischhändler überwanden, versuchten natürlich
die anderen Händler um unsere Gunst zu buhlen. Vergeblich. Denn der Mann, von
dem wir unser Fleisch kaufen wollten, verkauft auch an große Hotels und Bars in
Pune sein Rindfleisch. Das spricht natürlich für dessen Qualität und man muss
dann auch rechtzeitig vor Ort sein, um überhaupt noch etwas zu bekommen. Wie
ich später bei meinem zweiten Besuch dort erfuhr, arbeitet unser Fleischer
schon seit 35 Jahren, also seit seinem zwölften Lebensjahr in diesem Gewerbe
und das sieht man ihm auch an, so leicht wie ihm die Arbeit von der Hand geht.
Ebenfalls habe ich beim zweiten Besuch gemerkt, dass es manchmal unhöflich sein
kann, mit den Verkäufern zu handeln. Oder handeln war hier vielleicht das
falsche Wort, denn eigentlich wollte ich ihm ein paar Rupien mehr geben als er
verlangt hat. Aber Männer wie er sind Profis und die kann man dann mitunter in
ihrer Händlerehre kränken, wenn man sich ungebührlich verhält.
Mir haben jedenfalls zwei Kilo
Rindfleisch für meinen Gulasch gereicht – bezahlt habe ich dafür 210 Rupien,
was ziemlich genau drei Euro sind. Diese Trottel. Aber so ist das eben mit
Angebot und Nachfrage. Fleischereien, die Rindfleisch verarbeiten, werden fast
ausschließlich von Moslems geführt. Denn die wenigsten Inder essen nun einmal
Rindfleisch. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass das Indien im Jahr über
1,5 Mio. Tonnen davon in alle Welt exportiert. Das Rinderfilet, das Christoph
dagegen gekauft hat, war natürlich bedeutend teurer und kostete ZWEI EURO
FUCHZIG pro Kilo. Un-be-zahl-bar. Aber nun hatten wir, weshalb wir gekommen
waren und setzen unseren Weg über den Markt fort. Der Obstmarkt war nicht weniger
beeindruckend, aber da wir nichts kaufen wollten und Christoph wie immer einen
Händler hatte, von dem er gute Qualität erwarten konnte, liefen wir schlichtweg
weiter.
| Captain Iglu |
Vor dem Fischmarkt dann natürlich
ein Bild, wie man es nur in solchen Ländern wie Indien schießen kann: Ein Mann,
der riesige Eisblöcke über den Markt wuchtet, welche dann später zerstoßen und
an die Fischhändler verteilt werden, damit sie ihre Ware kühlen können. Im
Fischmarkt selber, der wieder so eine alte Kolonialbaute war, war der Geruch
natürlich gleich wieder viel interessanter. Kaufen würde ich dort zwar nichts,
aber Christoph hat natürlich Recht, wenn er sagt, dass die Händler schon sehr
darauf bedacht sind, Ausländern nicht irgendwelchen Schund anzudrehen, an dem die
dann krepieren. Das ist zugegebenermaßen schlecht fürs Geschäft.
Am meisten war ich dann jedoch von
unserem anschließenden Abstecher auf den Gemüsemarkt beeindruckt. Die ganze
Atmosphäre dort, die Art und Weise wie die Händler in der Mitte ihrer Stände
umgeben von Gemüse sitzen und ihre Waren feil bieten. Sowas hatte ich noch
nicht gesehen und eigentlich ist es schade, dass es das bei uns in dieser Form
nicht wirklich gibt. Die Händlerin, bei der wir dann einkauften, kannte
Christoph natürlich auch und er wusste zum einen, dass er von ihr gute Qualität
als auch gute Preise erwarten konnte. Denn wenn er etwas hasste, dann war es
Feilschen. Und so bezahlte ich für ein Kilo Tomaten, ein Kilo Kartoffeln und
ein halbes Kilo Zwiebeln ungefähr einen Euro fünfzig. Kann man machen, ne?
Meine sechs Paprika, die ich dann noch kaufte, waren genau so teuer. So ist das
eben mit den Preisen hier in Indien. Wir gingen noch zu einem weiteren Stand,
an dem Christoph immer einkaufte und da muss man dann schon etwas
diplomatisches Geschick beweisen. Denn der gute Mann war etwas sauer, dass wir
die Paprika bei seiner Konkurrentin und nicht bei ihm gekauft hatten, woraufhin
Christoph beschwichtigend versprechen musste, er würde das nächste Mal zuerst
bei ihm einkaufen. Das muss man hier eben so machen, denn wer will es sich
schon mit den Leuten verderben, die einem das Essen verkaufen? Anja hatte mir
auch erzählt, dass Christoph, als sie noch im Koregaon Park gewohnt haben, wo
ich jetzt wohne, regelmäßig zu einem Obsthändler gegangen ist, den er gut
kannte und der ihn mochte. Das ist hier in Indien echt wichtig. Denn in unserer
Gegend tummeln sich ja viele von diesen Osho-Spinnern (ihr erinnert euch:
Scientology Lite) und für die erhobt besagter Händler gern den vierfachen
Preis, selbst wenn sie gerade daneben standen, als Christoph sein Obst für ein
Viertel dessen gekauft hatte, was nun von ihnen verlangt wurde. Aber hey, wer
das Geld für irgendwelchen spirituellen Humbug zum Fenster hinaus wirft, muss
es ja auch dicke haben.
| Der Bau von außen |
Nachdem wir dann zumindest all
unsere Sachen zusammen hatten, fuhren wir und Christoph zeigte mir noch ein
großes Einkaufshaus namens Dorabjee’s, wo man wirklich alles bekam, was man zum
Leben brauchte und noch mehr. Sogar Bioprodukte aus Europa. Aber das kann man
sich auch mit meinem Verdienst kaum leisten, zumindest nicht auf Dauer, da
alles, was importiert ist, nicht nur für indische Verhältnisse teuer ist,
sondern auch aus deutscher Sicht. Man kann es vielen Produkten aber auch
einfach nicht ansehen und wundert sich dann, wenn man 4,50 Euro für ein Glas
Mayonnaise bezahlt. Schließlich sind wir noch kurz zu Christophs Lamm- und Fischhändler
hier im Park gefahren sowie zu einer französischen Bäckerei, die tolle
Baguettes und Croissants verkauft – sogar am Sonntagmorgen – und als ich dann
endlich zu Hause war, habe ich mich erst einmal zwei Stunden lang um meinen
Gulasch gekümmert, der, wie ja zu erwarten war, großartig und ein riesen Erfolg
wurde. Aber wen überrascht das.
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