Montag, 3. September 2012

Mark is going to the market. Where is he going? He is going to the market.



Entgegen der landläufigen Meinung, dass man als Europäer in Indien gänzlich auf Fleisch verzichten müsse, sieht es vor Ort dann doch anders aus. Auch wenn Kühe in Indien mehr oder weniger heilig sind (zumindest, wenn sie nicht schwarz sind. Manche Dinge ändern sich halt nie) und unbehelligt auf den Straßen Freilauf haben und auch gern mal von einer Müllkippe naschen dürfen, werden die meisten von ihnen irgendwann geschlachtet. Rinder werden allerdings nur selten für den Verzehr gezüchtet bzw. gemästet. Wenn eine (heilige) Kuh ein bestimmtes Alter erreicht hat, gehen auch sie irgendwann den Weg alles Köstlichen. Natürlich kann man dann das Fleisch, was dort produziert wird, nicht mit deutschem Rindfleisch vergleichen. Ich meine damit allerdings nicht, dass es von minderer Qualität ist, sondern, dass der Fettanteil geringer und das Fleisch damit etwas zäher ist. Wer hier einen Gulasch machen will, der muss sich auf eine längere Kochzeit einstellen, als man das von unserem Fleisch gewohnt ist. Aber genau so einen Gulasch wollte ich kochen und so galt es nun, erst einmal an Rindfleisch zu kommen.
            Meine Kollegin Anja und ihre Familie wohnen jetzt schon seit dreieinhalb Jahren in Indien. Und auch wenn sie zu Anfang häufig indisch aßen, stellte sich nach einer Weile eine gewisse Verdrossenheit ein und mittlerweile gibt es zu Hause fast ausschließlich deutsche Hausmannskost. Hausmannskost auch deshalb, weil sich ihr Mann Christoph ums Kochen, ihre Tochter Kira und die Einkäufe kümmert, während Anja im DAAD-Büro hier in Pune arbeitet. Das hatte und hat für mich den Vorteil, dass ich dadurch mit Christoph jemanden kennengelernt habe, der die Ins and Outs von Pune kennt, gerade, wenn es darum geht, wo man hier gute (und europäische) Sachen kaufen kann. Nachdem ich deshalb bei ihm eine Anfrage wegen Rindfleischs gestellt hatte, bot er mir an, mich zum Shivaji Market (sprich: Chi-Wad-Chi) mitzunehmen und mir dort den Fleischer seines Vertrauens vorzustellen.
            Märkte in Indien sind... anders. Das geht hier mitunter noch alles so volkstümlich zu wie zu Kolonialzeiten – damit meine ich sowohl wie der Markt aufgebaut ist, als auch wie vor Ort Geschäfte gemacht werden. Wir betraten den Markt über einen kleinen Innenhof, der von alten Kolonialbauten gesäumt war. Ein undefinierbarer Geruch lag in der Luft, Fleischreste lagen auf dem Boden, überall war Blut. So viel Blut. Auf den Dächern saßen riesige Milane und andere Vögel, die nur darauf warteten, sich in einem unbeobachteten Moment auf die am Boden liegenden Fleischreste stürzen zu können. Ebenso tummelten sich hier Katzen und Hunde, die dieselben Partikularinteressen verfolgten wie ihre gefiederten Widersacher.
Keine Angst. Den Holzklotz kann man mehrfach benutzen.
            Der Geruch wurde intensiver als wir den Bau zu unserer Linken betraten. Er war gefüllt mit Fleischerständen, hinter denen Menschen noch wie früher das Fleisch verarbeiteten und es frisch „frisch“ vor den Augen etwaiger Kunden für diese zumeist auf einem abgewetzten Holzblock zuschnitten. Hier darf man nicht nach Hygiene- und Gesundheitsverordnungen fragen. Wenn man das tut, ist man in Indien ohnehin am falschen Ort. Aber vielleicht sind wir in Deutschland auch nur so übervorsichtig geworden, was einige Dinge angeht. Denn ich bin die letzten acht Wochen auch ohne jegliche... Komplikationen ausgekommen – natürlich muss man auch etwas Vorsicht walten lassen und möglichst an Orten essen, die zumindest Zugang zu fließend Wasser haben. Straßenstände sind mir dann doch nicht so geheuer. Wie dem auch sei: Während wir die paar Schritte zu unserem Fleischhändler überwanden, versuchten natürlich die anderen Händler um unsere Gunst zu buhlen. Vergeblich. Denn der Mann, von dem wir unser Fleisch kaufen wollten, verkauft auch an große Hotels und Bars in Pune sein Rindfleisch. Das spricht natürlich für dessen Qualität und man muss dann auch rechtzeitig vor Ort sein, um überhaupt noch etwas zu bekommen. Wie ich später bei meinem zweiten Besuch dort erfuhr, arbeitet unser Fleischer schon seit 35 Jahren, also seit seinem zwölften Lebensjahr in diesem Gewerbe und das sieht man ihm auch an, so leicht wie ihm die Arbeit von der Hand geht. Ebenfalls habe ich beim zweiten Besuch gemerkt, dass es manchmal unhöflich sein kann, mit den Verkäufern zu handeln. Oder handeln war hier vielleicht das falsche Wort, denn eigentlich wollte ich ihm ein paar Rupien mehr geben als er verlangt hat. Aber Männer wie er sind Profis und die kann man dann mitunter in ihrer Händlerehre kränken, wenn man sich ungebührlich verhält.
            Mir haben jedenfalls zwei Kilo Rindfleisch für meinen Gulasch gereicht – bezahlt habe ich dafür 210 Rupien, was ziemlich genau drei Euro sind. Diese Trottel. Aber so ist das eben mit Angebot und Nachfrage. Fleischereien, die Rindfleisch verarbeiten, werden fast ausschließlich von Moslems geführt. Denn die wenigsten Inder essen nun einmal Rindfleisch. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass das Indien im Jahr über 1,5 Mio. Tonnen davon in alle Welt exportiert. Das Rinderfilet, das Christoph dagegen gekauft hat, war natürlich bedeutend teurer und kostete ZWEI EURO FUCHZIG pro Kilo. Un-be-zahl-bar. Aber nun hatten wir, weshalb wir gekommen waren und setzen unseren Weg über den Markt fort. Der Obstmarkt war nicht weniger beeindruckend, aber da wir nichts kaufen wollten und Christoph wie immer einen Händler hatte, von dem er gute Qualität erwarten konnte, liefen wir schlichtweg weiter.
Captain Iglu
            Vor dem Fischmarkt dann natürlich ein Bild, wie man es nur in solchen Ländern wie Indien schießen kann: Ein Mann, der riesige Eisblöcke über den Markt wuchtet, welche dann später zerstoßen und an die Fischhändler verteilt werden, damit sie ihre Ware kühlen können. Im Fischmarkt selber, der wieder so eine alte Kolonialbaute war, war der Geruch natürlich gleich wieder viel interessanter. Kaufen würde ich dort zwar nichts, aber Christoph hat natürlich Recht, wenn er sagt, dass die Händler schon sehr darauf bedacht sind, Ausländern nicht irgendwelchen Schund anzudrehen, an dem die dann krepieren. Das ist zugegebenermaßen schlecht fürs Geschäft.
            Am meisten war ich dann jedoch von unserem anschließenden Abstecher auf den Gemüsemarkt beeindruckt. Die ganze Atmosphäre dort, die Art und Weise wie die Händler in der Mitte ihrer Stände umgeben von Gemüse sitzen und ihre Waren feil bieten. Sowas hatte ich noch nicht gesehen und eigentlich ist es schade, dass es das bei uns in dieser Form nicht wirklich gibt. Die Händlerin, bei der wir dann einkauften, kannte Christoph natürlich auch und er wusste zum einen, dass er von ihr gute Qualität als auch gute Preise erwarten konnte. Denn wenn er etwas hasste, dann war es Feilschen. Und so bezahlte ich für ein Kilo Tomaten, ein Kilo Kartoffeln und ein halbes Kilo Zwiebeln ungefähr einen Euro fünfzig. Kann man machen, ne? Meine sechs Paprika, die ich dann noch kaufte, waren genau so teuer. So ist das eben mit den Preisen hier in Indien. Wir gingen noch zu einem weiteren Stand, an dem Christoph immer einkaufte und da muss man dann schon etwas diplomatisches Geschick beweisen. Denn der gute Mann war etwas sauer, dass wir die Paprika bei seiner Konkurrentin und nicht bei ihm gekauft hatten, woraufhin Christoph beschwichtigend versprechen musste, er würde das nächste Mal zuerst bei ihm einkaufen. Das muss man hier eben so machen, denn wer will es sich schon mit den Leuten verderben, die einem das Essen verkaufen? Anja hatte mir auch erzählt, dass Christoph, als sie noch im Koregaon Park gewohnt haben, wo ich jetzt wohne, regelmäßig zu einem Obsthändler gegangen ist, den er gut kannte und der ihn mochte. Das ist hier in Indien echt wichtig. Denn in unserer Gegend tummeln sich ja viele von diesen Osho-Spinnern (ihr erinnert euch: Scientology Lite) und für die erhobt besagter Händler gern den vierfachen Preis, selbst wenn sie gerade daneben standen, als Christoph sein Obst für ein Viertel dessen gekauft hatte, was nun von ihnen verlangt wurde. Aber hey, wer das Geld für irgendwelchen spirituellen Humbug zum Fenster hinaus wirft, muss es ja auch dicke haben.
Der Bau von außen
            Nachdem wir dann zumindest all unsere Sachen zusammen hatten, fuhren wir und Christoph zeigte mir noch ein großes Einkaufshaus namens Dorabjee’s, wo man wirklich alles bekam, was man zum Leben brauchte und noch mehr. Sogar Bioprodukte aus Europa. Aber das kann man sich auch mit meinem Verdienst kaum leisten, zumindest nicht auf Dauer, da alles, was importiert ist, nicht nur für indische Verhältnisse teuer ist, sondern auch aus deutscher Sicht. Man kann es vielen Produkten aber auch einfach nicht ansehen und wundert sich dann, wenn man 4,50 Euro für ein Glas Mayonnaise bezahlt. Schließlich sind wir noch kurz zu Christophs Lamm- und Fischhändler hier im Park gefahren sowie zu einer französischen Bäckerei, die tolle Baguettes und Croissants verkauft – sogar am Sonntagmorgen – und als ich dann endlich zu Hause war, habe ich mich erst einmal zwei Stunden lang um meinen Gulasch gekümmert, der, wie ja zu erwarten war, großartig und ein riesen Erfolg wurde. Aber wen überrascht das. 


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