Da
ich mich heute irgendwie in Schreiblaune befinde, über die Sache heute schon
mehrfach geredet und mittlerweile ein Glas Wein getrunken habe, möchte ich dann
doch noch einen Eintrag absetzen. Wisst ihr, wenn ich etwas in meiner Zeit hier
gelernt habe, dann ein Mantra, das man sich, wenn man in Indien lebt, nicht oft
genug vorsagen kann: Die Polizei ist nicht dein Freund. Die Polizei ist nicht
dein Freund. Wie wir dank der Nürnberger Zeitung wissen, ist Acab ein beliebter
türkischer Jungenname, der in Deutschland gern in Form von Graffiti an Mauern
gesprüht und von linken Demonstranten skandiert wird. Letzteres finde ich vor
allem deshalb bescheuert, weil die meisten von denen überhaupt keinen
Migrationshintergrund haben und sich mir die Verbindung einfach nicht
erschließen will.
Aber jetzt mal ernsthaft: Die
Menschen, die auf deutschen Straßen „All Cops are Bastards“ (ACAB) skandieren,
wissen nicht, wie gut es ihnen geht. Ich meine, natürlich ist es kein valides
Argument, auf andere Verhältnisse zu zeigen und dann über die eigenen
Missstände mit den Worten zu urteil: „Na es könnte ja auch schlimmer sein“.
Aber dennoch. Wenn in Deutschland auf einer Privatfeier die Polizei auftaucht,
ist das nie Grund zur Freude, aber auch kein Grund zur Panik (hat eigentlich
jemals schon jemand gesagt: Es besteht Grund zur Panik?). Man weiß, was man von
denen erwarten kann und dass man Rechte hat, die die Beamten auch respektieren.
In Indien ist das nicht der Fall. Wer Kafkas meinen „Der Proceß“ gelesen
hat, wird wissen, was ich meine. Wenn man Beamte erst mit Torte und Geld zum
Gehen überreden kann, ohne dass sie gleichzeitig jemanden mitnehmen, dann läuft
etwas arg schief. Natürlich sind die Gründe dafür schnell genannt. Indien ist
immer noch ein sehr, sehr armes Land und da Korruption nun leider eine häufige
Begleiterscheinung von Armut ist, verwundert es nicht, dass sie hier so
prävalent ist. Von der größten Demokratie der Welt ist man dann aber doch ein
Stück weit entfernt.
Wer meine Fotos auf Facebook gesehen
hat, wird wissen, dass wir diese Woche eine Party bei uns im Haus, auf der neu
renovierten Terrasse veranstaltet haben. Anlass waren Ilkas und Satyens
Geburtstage sowie mein (glorreicher) Einzug in die WG. Die Party war auch echt
super, bis dann einer der Gäste, Ajay, den Vorschlag gemacht hat, noch woanders
hinzugehen. Ilka hatte auch noch Lust, während Satyen nach etwas viel Alkohol
mittlerweile schon die Segel gestrichen hatte. Das ist insofern lustig, als
dass Satyen bei der Handelsmarine gearbeitet hat. Ha. Jedenfalls habe ich mich
dann auch dazu überreden lassen, mitzukommen, obwohl ich eigentlich nicht so
wirklich Lust hatte, unsere eigenen vier Wände zu verlassen. Aber hey, Alkohol
macht halt anfällig für Suggestion.
Wir sind dann mit Ajays Auto zu
fünft zum Maya gefahren, was ein Hotel Schrägstrich Club etwas außerhalb von
Pune ist. Mit im Auto waren neben uns dreien noch Salil und Irfan (wie
IrfanView). Als wir auf dem Parkplatz, der nur eine kleine Wiese hinter dem
Grundstück war, ankamen, gingen wir die paar Schritte zum Tor und forderten
Einlass. Man wollte uns aus irgendwelchen Gründen – zum Beispiel mit Verweis
auf meine Sportschuhe – nicht einlassen. Da half auch keine Überredungskunst.
Ajay und Ilka konnten sich dann als „Pärchen“ Eintritt verschaffen und der Plan
war, dass Ajay jemanden im Club, den er kannte, dazu bringen wollte, uns allen
Eintritt zu verschaffen.
Kaum wurde das Tor hinter ihnengeschlossen, kam die Polizei. Wir nahmen erst einmal respektvollen Abstand vom Eingang
und schauten uns die Situation von Weitem an. Offenbar begann just in dem
Moment, als die beiden das Grundstück betreten hatten, eine Razzia. Man sollte
wirklich nicht mit mir weggehen. Einer der Polizisten kam zu uns herüber
gelaufen und fing an, mit Salil auf Marathi zu sprechen. Das war wahrscheinlich
unser Glück, denn er empfahl uns (wahrscheinlich nur deshalb, weil Salil
Marathi sprach), schleunigst abzuhauen. Super Idee. Nur war uns die Einfahrt
von Polizisten versperrt und einfach dadurch zu laufen, war sicherlich keine
Idee. Die hätten uns sehr wahrscheinlich festgenommen. Einfach, weil sie es
konnten. In die andere Richtung war nur ein Feldweg und sonst nichts weiter.
Dennoch sind wir dann erst einmal den Weg für ein Stück gelaufen. Unter einem
Baum haben wir dann andere „Flüchtlinge“ getroffen, die ein paar Minuten später
ihren Weg ins Nirgendwo fortsetzten. Da ich nicht so bescheuert bin und
natürlich nicht meine Nacht im Wald verbringen wollte, überredete ich Irfan und
Salil dazu, querfeldein auf eine Straße zuzusteuern, die in etwa zwei Kilometern
Entfernung zu sehen war. Wir machten uns also auf den Weg durch unwegsames
Gelände, Abhänge und Stacheldraht und kamen nach einer gefühlten Stunde endlich
an der Straße an.
Da das Gebiet wie beschrieben weiter
außen lag und es mittlerweile schon weit nach 1 Uhr nachts war, fuhren hier
natürlich keine Rikschas mehr und wir mussten uns potentiell zu Fuß auf den Weg
machen. Mir gefror fast das Blut in den Adern, als plötzlich neben uns ein
Polizeiauto hielt. Zum Glück hatten die nichts mit der Razzia zu tun, sodass
Salil sie schnell abwimmeln konnte. Hinter ein paar Häuserblöcken sahen wir ein
Hotel, auf das wir zusteuerten und dort dann ein Taxi bestellen konnten. Nach
einem Kaffee und einer Dreiviertelstunde Wartezeit befanden wir uns auch in
selbigem und machten uns auf den Weg nach Hause. Während der Zeit hatte ich
immer mal wieder mit Ilka in Verbindung gestanden, da ich mir
verständlicherweise Sorgen gemacht hatte. Ihr ging es für den Moment gut, aber
ihr Handyakku neigte sich dem Ende und ich erreichte sie irgendwann nicht mehr.
Als ich zu Hause war, weckte ich Satyen und erzählte ihm, was los war. Danach
fiel ich nur noch ins Bett, weil ich an diesem Punkt auch nichts mehr machen
konnte.
Mehr erfuhr ich erst am nächsten
Morgen. Ich stand etwa gegen zehn wieder auf, nachdem ich erschöpft um drei ins
Bett gefallen war. Ilka war mittlerweile zu Hause und ich fand Satyen im
Wohnzimmer, der mir dann erzählte, was er wusste bzw. Ilka ihm berichtet hatte.
Deshalb ändere ich an dieser Stelle etwas meine Erzählperspektive: Als Ilka und
Ajay das Maya betraten, war es kurz vor 12 Uhr nachts, kurz darauf begann die
Razzia. Die Polizei würde später behaupten, die Razzia habe nicht vor 1 Uhr
begonnen (manche Quellen sprachen sogar von 2 Uhr). Im Maya lief mittlerweile
keine Musik mehr. Die vier DJs hatten eine Viertelstunde vorher die Musik
ausgestellt und behauptet, es würde 10 Minuten später weitergehen. In dieser
Zeit entzogen sie sich dem Polizeigewahrsam. Die Polizei wird später behaupten,
als sie das Maya betraten, habe laute Musik gespielt, zu der immer noch viele
Leute tanzten und nebenbei schweren Alkohol konsumierten. Als sie den Club
betraten befanden sich etwa 300 Gäste im Maya, an der Razzia war eine Hundertschaft
der Polizei beteiligt. Als Hintergrund wurde später zitiert, dass es
(wiederholt) Beschwerden von Anwohnern über laute Musik gegeben habe und man
deshalb handeln musste. Außerdem haben der Betreiber, von einer
Antiterroreinheit, und seine Frau, denen das Maya gehört, nur eine begrenzte
Lizenz zum Verkauf schweren Alkohols (Liquor) gehabt, die nur zwischen 7 Uhr und
11 Uhr abends gelte. Als sie dann den Club stürmten, seit die Party angeblich
noch in vollem Gange gewesen (lies: um 1 Uhr), was nach obigen Beschreibungen
natürlich eine Lüge ist.
Was der wirkliche Hintergrund für
die Razzia war, ist schwer zu sagen. Möglicherweise war ein Machtkampf
innerhalb der Polizei der Auslöser. Möglicherweise hatten die Betreiber nicht
ihr monatliches Bestechungsgeld an die Polizei gezahlt. Jedenfalls ist davon
auszugehen, dass man von Seiten der Polizei jemanden dazu angestiftet hat, sich
zu beschweren, um eine Rechtfertigung für die Razzia zu produzieren. Aber mal
ehrlich, wenn es nur um eine abgelaufene Lizenz geht, wofür braucht man da
bitte eine Hundertschaft anders als für eine Art Machtbeweis? Aber ich habe ja
noch gar nicht erzählt, was aus Ilka und Ajay wurde.
Die Polizisten haben erst einmal die
Männer von den Frauen getrennt (da gab’s doch irgend so ein Lager in Polen...) und
begonnen, die Namen (manchmal dreifach) zu notieren, und andere Personalien
aufzunehmen. Ich weiß nicht, ob sie die dann in die Emailfabrik schicken
wollten, jedenfalls wurden dann Alkoholtests angeordnet. Bis dahin wurde den
300 festgesetzten Gästen nicht erklärt, warum sie überhaupt festgehalten
wurden. Wer fragte, wurde geschlagen. Wer sich dem Alkoholtest widersetzt,
wurde geschlagen. In der ganzen Zeit, während Ilka und die anderen dort ausharren
mussten, wurde den Verbrechern Gefangenen Festgehaltenen kein
Wasser oder Essen gegeben, während sich die Polizisten vor Ort am konfiszierten
Alkohol und dem Essen gütlich taten. Selbst Frauen wurden später geohrfeigt,
wenn sie sich weigerten, den Anweisungen Folge zu leisten. Ilka blieb zumindest
die körperliche Misshandlung erspart.
Die Times of India berichtete erst
heute, am Montag über den Vorfall, und auch ziemlich neutral, indem sie auch
die betroffenen Gäste zu Wort kommen ließ. Die Polizei leugnete natürlich alle Anschuldigungen und gab
sich noch geberhaft mit Aussagen wie, man hätte ja einige Leute auch wegen
Widerstandes gegen die Staatsgewalt festnehmen können, habe sich aber dagegen
entschieden. Andere Onlinedienste waren weniger kritisch und berichteten gar
von eine Pornoparty, die im Maya abgehalten worden sei und implizierten damit
gleichzeitig, die Festgehaltenen wären ob ihrer maroden Moralvorstellungen
selbst schuld daran, dass sie in diese missliche Lage geraten waren. Die
Kommentare überschlugen sich erwartungsmäßig mit Hassnachrichten gegen die
Redaktion. Zum Glück. Also an alle Mittelalterfans: Wenn ihr das mal wirklich
erleben wollt, wie das so war, vergesst irgendwelche Mittelaltermärkte oder das
WGT und kommt nach Indien. Hier könnt ihr Strukturen wie im finstersten
Mittelalter wenigstens noch live erleben. Ihr glaubt mir nicht? Hier noch ein
paar Quellen!
Quellen:
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