Montag, 3. September 2012

Words to live by



Da ich mich heute irgendwie in Schreiblaune befinde, über die Sache heute schon mehrfach geredet und mittlerweile ein Glas Wein getrunken habe, möchte ich dann doch noch einen Eintrag absetzen. Wisst ihr, wenn ich etwas in meiner Zeit hier gelernt habe, dann ein Mantra, das man sich, wenn man in Indien lebt, nicht oft genug vorsagen kann: Die Polizei ist nicht dein Freund. Die Polizei ist nicht dein Freund. Wie wir dank der Nürnberger Zeitung wissen, ist Acab ein beliebter türkischer Jungenname, der in Deutschland gern in Form von Graffiti an Mauern gesprüht und von linken Demonstranten skandiert wird. Letzteres finde ich vor allem deshalb bescheuert, weil die meisten von denen überhaupt keinen Migrationshintergrund haben und sich mir die Verbindung einfach nicht erschließen will.
            Aber jetzt mal ernsthaft: Die Menschen, die auf deutschen Straßen „All Cops are Bastards“ (ACAB) skandieren, wissen nicht, wie gut es ihnen geht. Ich meine, natürlich ist es kein valides Argument, auf andere Verhältnisse zu zeigen und dann über die eigenen Missstände mit den Worten zu urteil: „Na es könnte ja auch schlimmer sein“. Aber dennoch. Wenn in Deutschland auf einer Privatfeier die Polizei auftaucht, ist das nie Grund zur Freude, aber auch kein Grund zur Panik (hat eigentlich jemals schon jemand gesagt: Es besteht Grund zur Panik?). Man weiß, was man von denen erwarten kann und dass man Rechte hat, die die Beamten auch respektieren. In Indien ist das nicht der Fall. Wer Kafkas meinen „Der Proceß“ gelesen hat, wird wissen, was ich meine. Wenn man Beamte erst mit Torte und Geld zum Gehen überreden kann, ohne dass sie gleichzeitig jemanden mitnehmen, dann läuft etwas arg schief. Natürlich sind die Gründe dafür schnell genannt. Indien ist immer noch ein sehr, sehr armes Land und da Korruption nun leider eine häufige Begleiterscheinung von Armut ist, verwundert es nicht, dass sie hier so prävalent ist. Von der größten Demokratie der Welt ist man dann aber doch ein Stück weit entfernt.
            Wer meine Fotos auf Facebook gesehen hat, wird wissen, dass wir diese Woche eine Party bei uns im Haus, auf der neu renovierten Terrasse veranstaltet haben. Anlass waren Ilkas und Satyens Geburtstage sowie mein (glorreicher) Einzug in die WG. Die Party war auch echt super, bis dann einer der Gäste, Ajay, den Vorschlag gemacht hat, noch woanders hinzugehen. Ilka hatte auch noch Lust, während Satyen nach etwas viel Alkohol mittlerweile schon die Segel gestrichen hatte. Das ist insofern lustig, als dass Satyen bei der Handelsmarine gearbeitet hat. Ha. Jedenfalls habe ich mich dann auch dazu überreden lassen, mitzukommen, obwohl ich eigentlich nicht so wirklich Lust hatte, unsere eigenen vier Wände zu verlassen. Aber hey, Alkohol macht halt anfällig für Suggestion.
            Wir sind dann mit Ajays Auto zu fünft zum Maya gefahren, was ein Hotel Schrägstrich Club etwas außerhalb von Pune ist. Mit im Auto waren neben uns dreien noch Salil und Irfan (wie IrfanView). Als wir auf dem Parkplatz, der nur eine kleine Wiese hinter dem Grundstück war, ankamen, gingen wir die paar Schritte zum Tor und forderten Einlass. Man wollte uns aus irgendwelchen Gründen – zum Beispiel mit Verweis auf meine Sportschuhe – nicht einlassen. Da half auch keine Überredungskunst. Ajay und Ilka konnten sich dann als „Pärchen“ Eintritt verschaffen und der Plan war, dass Ajay jemanden im Club, den er kannte, dazu bringen wollte, uns allen Eintritt zu verschaffen.
            Kaum wurde das Tor hinter ihnengeschlossen, kam die Polizei. Wir nahmen erst einmal respektvollen Abstand vom Eingang und schauten uns die Situation von Weitem an. Offenbar begann just in dem Moment, als die beiden das Grundstück betreten hatten, eine Razzia. Man sollte wirklich nicht mit mir weggehen. Einer der Polizisten kam zu uns herüber gelaufen und fing an, mit Salil auf Marathi zu sprechen. Das war wahrscheinlich unser Glück, denn er empfahl uns (wahrscheinlich nur deshalb, weil Salil Marathi sprach), schleunigst abzuhauen. Super Idee. Nur war uns die Einfahrt von Polizisten versperrt und einfach dadurch zu laufen, war sicherlich keine Idee. Die hätten uns sehr wahrscheinlich festgenommen. Einfach, weil sie es konnten. In die andere Richtung war nur ein Feldweg und sonst nichts weiter. Dennoch sind wir dann erst einmal den Weg für ein Stück gelaufen. Unter einem Baum haben wir dann andere „Flüchtlinge“ getroffen, die ein paar Minuten später ihren Weg ins Nirgendwo fortsetzten. Da ich nicht so bescheuert bin und natürlich nicht meine Nacht im Wald verbringen wollte, überredete ich Irfan und Salil dazu, querfeldein auf eine Straße zuzusteuern, die in etwa zwei Kilometern Entfernung zu sehen war. Wir machten uns also auf den Weg durch unwegsames Gelände, Abhänge und Stacheldraht und kamen nach einer gefühlten Stunde endlich an der Straße an.
            Da das Gebiet wie beschrieben weiter außen lag und es mittlerweile schon weit nach 1 Uhr nachts war, fuhren hier natürlich keine Rikschas mehr und wir mussten uns potentiell zu Fuß auf den Weg machen. Mir gefror fast das Blut in den Adern, als plötzlich neben uns ein Polizeiauto hielt. Zum Glück hatten die nichts mit der Razzia zu tun, sodass Salil sie schnell abwimmeln konnte. Hinter ein paar Häuserblöcken sahen wir ein Hotel, auf das wir zusteuerten und dort dann ein Taxi bestellen konnten. Nach einem Kaffee und einer Dreiviertelstunde Wartezeit befanden wir uns auch in selbigem und machten uns auf den Weg nach Hause. Während der Zeit hatte ich immer mal wieder mit Ilka in Verbindung gestanden, da ich mir verständlicherweise Sorgen gemacht hatte. Ihr ging es für den Moment gut, aber ihr Handyakku neigte sich dem Ende und ich erreichte sie irgendwann nicht mehr. Als ich zu Hause war, weckte ich Satyen und erzählte ihm, was los war. Danach fiel ich nur noch ins Bett, weil ich an diesem Punkt auch nichts mehr machen konnte.
            Mehr erfuhr ich erst am nächsten Morgen. Ich stand etwa gegen zehn wieder auf, nachdem ich erschöpft um drei ins Bett gefallen war. Ilka war mittlerweile zu Hause und ich fand Satyen im Wohnzimmer, der mir dann erzählte, was er wusste bzw. Ilka ihm berichtet hatte. Deshalb ändere ich an dieser Stelle etwas meine Erzählperspektive: Als Ilka und Ajay das Maya betraten, war es kurz vor 12 Uhr nachts, kurz darauf begann die Razzia. Die Polizei würde später behaupten, die Razzia habe nicht vor 1 Uhr begonnen (manche Quellen sprachen sogar von 2 Uhr). Im Maya lief mittlerweile keine Musik mehr. Die vier DJs hatten eine Viertelstunde vorher die Musik ausgestellt und behauptet, es würde 10 Minuten später weitergehen. In dieser Zeit entzogen sie sich dem Polizeigewahrsam. Die Polizei wird später behaupten, als sie das Maya betraten, habe laute Musik gespielt, zu der immer noch viele Leute tanzten und nebenbei schweren Alkohol konsumierten. Als sie den Club betraten befanden sich etwa 300 Gäste im Maya, an der Razzia war eine Hundertschaft der Polizei beteiligt. Als Hintergrund wurde später zitiert, dass es (wiederholt) Beschwerden von Anwohnern über laute Musik gegeben habe und man deshalb handeln musste. Außerdem haben der Betreiber, von einer Antiterroreinheit, und seine Frau, denen das Maya gehört, nur eine begrenzte Lizenz zum Verkauf schweren Alkohols (Liquor) gehabt, die nur zwischen 7 Uhr und 11 Uhr abends gelte. Als sie dann den Club stürmten, seit die Party angeblich noch in vollem Gange gewesen (lies: um 1 Uhr), was nach obigen Beschreibungen natürlich eine Lüge ist.
            Was der wirkliche Hintergrund für die Razzia war, ist schwer zu sagen. Möglicherweise war ein Machtkampf innerhalb der Polizei der Auslöser. Möglicherweise hatten die Betreiber nicht ihr monatliches Bestechungsgeld an die Polizei gezahlt. Jedenfalls ist davon auszugehen, dass man von Seiten der Polizei jemanden dazu angestiftet hat, sich zu beschweren, um eine Rechtfertigung für die Razzia zu produzieren. Aber mal ehrlich, wenn es nur um eine abgelaufene Lizenz geht, wofür braucht man da bitte eine Hundertschaft anders als für eine Art Machtbeweis? Aber ich habe ja noch gar nicht erzählt, was aus Ilka und Ajay wurde.
            Die Polizisten haben erst einmal die Männer von den Frauen getrennt (da gab’s doch irgend so ein Lager in Polen...) und begonnen, die Namen (manchmal dreifach) zu notieren, und andere Personalien aufzunehmen. Ich weiß nicht, ob sie die dann in die Emailfabrik schicken wollten, jedenfalls wurden dann Alkoholtests angeordnet. Bis dahin wurde den 300 festgesetzten Gästen nicht erklärt, warum sie überhaupt festgehalten wurden. Wer fragte, wurde geschlagen. Wer sich dem Alkoholtest widersetzt, wurde geschlagen. In der ganzen Zeit, während Ilka und die anderen dort ausharren mussten, wurde den Verbrechern Gefangenen Festgehaltenen kein Wasser oder Essen gegeben, während sich die Polizisten vor Ort am konfiszierten Alkohol und dem Essen gütlich taten. Selbst Frauen wurden später geohrfeigt, wenn sie sich weigerten, den Anweisungen Folge zu leisten. Ilka blieb zumindest die körperliche Misshandlung erspart.
            Die Times of India berichtete erst heute, am Montag über den Vorfall, und auch ziemlich neutral, indem sie auch die betroffenen Gäste zu Wort kommen ließ. Die Polizei leugnete natürlich alle Anschuldigungen und gab sich noch geberhaft mit Aussagen wie, man hätte ja einige Leute auch wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt festnehmen können, habe sich aber dagegen entschieden. Andere Onlinedienste waren weniger kritisch und berichteten gar von eine Pornoparty, die im Maya abgehalten worden sei und implizierten damit gleichzeitig, die Festgehaltenen wären ob ihrer maroden Moralvorstellungen selbst schuld daran, dass sie in diese missliche Lage geraten waren. Die Kommentare überschlugen sich erwartungsmäßig mit Hassnachrichten gegen die Redaktion. Zum Glück. Also an alle Mittelalterfans: Wenn ihr das mal wirklich erleben wollt, wie das so war, vergesst irgendwelche Mittelaltermärkte oder das WGT und kommt nach Indien. Hier könnt ihr Strukturen wie im finstersten Mittelalter wenigstens noch live erleben. Ihr glaubt mir nicht? Hier noch ein paar Quellen!

Quellen:  

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