Montag, 3. September 2012

Der Proceß




27.08.2012, 16.47 Uhr
Pune

HINWEIS: Dieser Eintrag wurde vor einer Woche geschrieben - aktuelle Details gibt es im Addendum am Ende des Eintrages; die aktuelleren Beiträge von heute finden sich weiter unten. Ich wollte den Post eigentlich nicht öffentlich machen, aber fühle mich bei den derzeitigen Entwicklungen hier in Pune schlichtweg genötigt, die Dinge auch so darzustellen, wie sie sind. Und zwar größtenteils ungeschminkt.

Ich möchte es gleich vorab sagen: Das hier wird ein sehr langer Eintrag ohne Bilder. Wem das nicht passt, der sollte an dieser Stelle aufhören, zu lesen, denn ich muss mir jetzt ein paar Dinge einfach einmal von der Seele schreiben. Es ist meine Geschichte über einen Prozess der sich Registrierung nennt. Ein Prozess, durch den alle Ausländer gehen müssen, die sich längere Zeit in Indien aufhalten wollen. Ein Prozess, in dem ich mich seit bereits sieben Wochen befinde und für den ich bisher für mich noch kein Licht am Ende des Tunnels sehen kann. Doch lasst mich dort den Erzählfaden aufnehmen, wo die Geschichte einst ihren Anfang nahm.
             Bevor ich nach Indien einreisen durfte, musste ich mir ein Visum organisieren – was oftmals schon die erste bürokratische Hürde darstellt. Ich habe diese Hürde allerdings mit Bravour genommen und, was nicht selbstverständlich ist, sogar das korrekte Visum (X-Entry) ausgestellt bekommen. Mein Vorgänger hingegen hatte damit weniger Glück und erhielt ein Arbeitsvisum, was insofern problematisch war, als man dafür einen gewissen Grundverdienst im Lande nachweisen muss. Letztendlich ließ sich das nur dadurch lösen, dass eine Inderin für ihn (finanziell) bürgte – und wer macht das schon gern für jemanden, den er kaum kennt? Deshalb war ich sehr optimistisch, was meinen eigenen Registrierungsprozess angehen würde – ich hatte ja keine Ahnung. Seht ihr, der Prozess ist ein dreistufiger. Zuerst gilt es, sich eine C-Form ausstellen zu lassen. Das ist ein Dokument, das euer Vermieter innerhalb von 24h beim Foreigner Regional Registration Office (FRRO) zu produzieren hat, um zu melden, dass ihr bei ihm unterkommt. Hotels sind auch dazu verpflichtet, allerdings gestaltet sich das dort alles recht unbürokratisch, weil deren Agenten, die sich damit befassen, jeden Tag bei der FRRO antanzen und einen Schwung C-Forms abgeben, auf die dann keiner so genau schaut. Bei Privatpersonen sieht das dann schon wieder anders aus, vor allem, wenn sie einen Ausländer beherbergen wollen.
            Zu diesem Thema möchte ich an dieser Stelle direkt etwas sagen: In Indien hat der Terrorismus gesiegt und zwar auf ganzer Linie. Es ist einfach erschreckend, wie ein paar Anschläge in den letzten Jahren es geschafft haben, das Land und die Regierung an den Rand der Xenophobie zu treiben. Wenn nicht sogar noch weiter. Als Ausländer ist man hier Ausländer, ganz gleich, wo man herkommt oder wieso man sich hier befindet. Man wird schlichtweg unter Generalverdacht gestellt, was einfach nur abartig ist. Leute wie ich kommen in dieses Land, um hier zu arbeiten und letztendlich Indien einen Dienst zu erweisen (von den Indern sehe ich ja keinen Cent) und stehen im Zweifelsfall auf einer Stufe mit Mudjahiddeen und Taliban. Jeder neue Anschlag führt zu neuen Sicherheitsvorkehrungen, die es einem Ausländer immer schwerer machen, sich zu registrieren und gleichzeitig absolut sinnlos sind, weil ich in den letzten sieben Wochen bereits genug Zeit gehabt hätte, hier Läden in die Luft zu jagen, ohne dass mich diese bürokratischen Hürden auch nur irgendwie davon hätten abhalten können. Das einzige, wovon sie mich abhalten, ist meine Registrierung zu bekommen und das tun sie mit erschreckender Effektivität.
            Mein erster Versuch, mich zu registrieren, veranschaulich das ganz gut. Um den Prozess überhaupt erst einmal initiieren zu können, braucht man, wie bereits gesagt, eine C-Form. Dabei sollte mir dazumal Anuj helfen, der, während sich meine Kollegin Anja mit ihrer Familie in Deutschland befand, als Teilzeitkraft für das DAAD-Büro in Pune arbeitete und von ihr beauftragt wurde, mich auf diesem Abenteuer zu begleiten. Zu diesem Zeitpunkt war ich aber in keinster Weise darauf vorbereitet, was man im FRRO alles an Dokumenten von mir verlangen würde, aber das war noch das geringste Problem. Anja hatte mir lediglich zwei von ihr unterschriebene und ansonsten unausgefüllte C-Forms überlassen, was aus zwei Gründen problematisch war: Erstens reicht es nicht aus, nur die C-Form zu haben, wie Anuj schnell heraus fand. Neben dem Einladungsbrief der Universität und einen Nachweis über meinen Verdienst (Stipendium) wird auch noch eine Art Address-Proof in Form eines Mietvertrages, einer Stromrechnung o. ä. verlangt. Während die ersten beiden Dinge leicht zu beschaffen waren, gab es keine Möglichkeit, an so einen Address-Proof zu kommen, ohne groß durch die Unterlagen der Hallackers zu stöbern, was ich selbstverständlich nicht machen wollte. Aber auch, wenn es mir gelungen wäre, an so ein Dokument zu kommen, stand da immer noch ein anderes Problem. Denn zweitens muss nicht der Bewohner des Hauses die C-Form ausfüllen, sondern der Vermieter. Da die Hallackers nur Hausbesitzer und nicht -eigentümer sind, half mir Anjas Unterschrift dementsprechend wenig.
            Da ich ohnehin wenig Lust hatte, ein zweites Mal durch den Prozess zu gehen – denn ich wollte ja sowieso in absehbarer Zeit dort ausziehen – habe ich mir erst einmal meine WG in spe angeschaut, in der ich auch jetzt wohne. Mit Ilka und Satyen habe ich zwei gute Freunde und Mitbewohner gefunden, die mich bisher beide nach Kräften unterstützt haben. Sie waren mir von Anfang an sympathisch, weshalb ich auch beim ersten Besuch direkt beschlossen hatte, dort einzuziehen. Also galt es nun, sich für diese Wohnung eine C-Form zu besorgen – spät dran war ich ohnehin schon. Ich habe mir also von Satyen die C-Form ausfüllen und eine Kopie seines Mietvertrages geben lassen, mit denen ich dann, Anuj im Schlepptau, zur FRRO gefahren bin. Aufmerksamen Lesern wird bereits aufgefallen sein, was sich alsbald zum Problem entwickeln sollte: Satyen und Ilka sind natürlich nicht die Eigentümer unserer Wohnung. Die gehört einem Mann in seinen 70ern, der in einem außerhalb gelegenen Stadtteil Punes lebt und auch nicht mehr so gut versteht, was die jungen Leute immer wollen und wieso die Kinder draußen schon wieder so laut sein müssen beim Spielen. Rückblickend also kein Wunder, dass der erstmalige Besuch dort ein Schuss in den Ofen war und uns der Beamte dort mit Nachdruck nach dem Landlord (Vermieter) fragte, der im Mietvertrag als Lizenzgeber eingetragen war – zumal mein Name dort nirgendwo zu finden war. Satyen hatte mir zwar eine Art Mietvertrag geschrieben, aber da ihm dazu die notwendigen Vollmachten fehlten, war dieser nur so viel wert wie das Papier, auf dem er gedruckt war.
            Wir mussten also unverrichteter Dinge wieder abrücken und Satyen zum anderen Ende der Stadt schicken, damit er dem Vermieter dessen Unterschrift abringen konnte. Darüber hinaus musste dieser auch noch auf der C-Form beglaubigen, dass er wisse, dass ich bei Ilka und Satyen wohne und er damit kein Problem habe. Soweit so gut. Damit sind wir dann zur FRRO zurück und wollten die Dokumente abgeben. Woraufhin der Beamte dann meinte, wir müssten uns erst Kopien davon machen. Ooooookay. Wir sind dann also zu einem Copyshop in der Nähe, haben ein paar Abzüge machen lassen und konnten dann endlich den Stempel für meine C-Form erwirken. Dass Anuj mit dem Beamten auf Marathi sprechen konnte, hat auch seinen Teil zu unserem „Erfolg“ beigetragen. Wieso das so wichtig ist, erzähle ich noch.
            Damit, meine Damen und Herren, war ich endlich in Phase zwei angelangt. Nach nur gerade einmal zwei Wochen und eineinhalb Seiten Text. Wollt ihr wirklich weiterlesen? Okay.
Phase zwei besteht darin, seine Foreigner-Verification zu bekommen. Dazu muss man in der jeweiligen Polizeistation des Stadtviertels, in dem die Wohnung liegt, vorstellig werden und erneut einen Schwung an Papieren mit sich führen. Neuerlicherweise muss auch der Landlord persönlich anwesend sein und bestätigen, dass man dort wie angegeben wohnt. Das hat mir der Polizist zumindest ins Gesicht geschrien, als ich irgendwie nicht verstanden habe, wieso das jetzt sein müsse. Denn als Ilka sich vor zwei Jahren dort verifiziert hat, war das noch nicht notwendig. Ladies and Gentlemen: Terrorismus! Das ist nämlich eine dieser tollen Regulationen, die neuerlich implementiert worden waren, um einem das Leben schwer zu machen. Ich habe deshalb den Landlord angerufen und das Telefon an den Beamten weitergereicht. Verwirrt, wie er alte Mann war, hat er nicht richtig begriffen, worum es ging. Die Polizisten behaupteten später, er wisse nichts von mir, wobei ich eher davon ausgehe, dass das eine Lüge war. Denen ist alles zuzutrauen. Auch der Versuch, Satyen dazu zu holen und die Lage zu deeskalieren fruchtete nichts. Selbige Beamte waren in dem Moment auch dabei, zwei andere Inder zusammenzubrüllen, die ebenfalls eine Ausländerin dort verifizieren wollten.
            Nachdem wir die Situation zu Hause noch einmal durchgesprochen hatten, versuchten Ilka und Satyen, den Hausbesitzer irgendwie dazu zu bewegen, mit auf die Polizeistation zu kommen. Aber wie bereits gesagt: der Mann ist alt und geistig auch nicht mehr unbedingt auf voller Höhe und wollte sich selbst, als wir ihm anboten, einen Fahrer zu stellen, nicht überreden lassen. Ohnehin hätte er zweimal kommen müssen. Denn auf der Polizeistation erfuhr ich dann auch, dass für diesen Schritt jetzt auch ein gültiger Mietvertrag vonnöten sei. Das gestaltet sich in Indien ziemlich schwierig. Einen Mietvertrag kann man nämlich nur auf dem Gericht aufsetzen lassen, wo er dann auch – in Beisein des Vermieters und zweier Zeugen – notariell beglaubigt werden muss. Gerade weil der Vermieter selbst Anwalt war, hatte er den Anspruch (und wahrscheinlich auch die Verpflichtung), alles akkurat machen zu müssen und wusste daher auch, was für ein Aufwand da auf ihn zukommen würde. Einfach einen Untermietervertrag aufsetzen ist hier nicht drin. Außerdem kostet das direkt 2.000 Rupien, was für Inder viel Geld ist.
            Damit möchte ich auch kurz meinen anderen Faden von vorhin wieder aufnehmen, was die Xenophobie angeht. Der deutsche Botschafter hat im Namen des DAAD bereits Beschwerde beim indischen Konsul eingelegt, was im Grunde das höchste diplomatische Mittel ist, was einem zur Verfügung steht. Eine Beschwerde ist deshalb nötig, weil es aufgrund dieser bürokratischen Repressalien jedes Jahr schwerer wird, Stipendiaten nach Indien zu schicken. Beziehungsweise: das Senden ist nicht schwer, nur findet sich für die Stipendiaten dann nur unter sehr viel Aufwand eine Wohnung. Denn obwohl sie in der Regel Visa erhalten, die weniger als 180 Tage gelten, bekommen sie mittlerweile bei der Immigration einen Stempel der sagt: Registration necessary. Ohne auch nur einen Grund dafür genannt zu bekommen. Während es früher gereicht hat, sie während ihres Aufenthalts bei jemandem unterzubringen, der lediglich eine C-Form ausstellen musste, müssen sie jetzt zwingend an einen Mietvertrag kommen, worauf die wenigsten Vermieter Lust haben. Ich meine, ich kann das verstehen. Wer will sich schon den ganzen bürokratischen Aufwand machen, wenn die Mieter dann eh nur für ein paar Monate bleiben und man für den Spaß dann auch noch für indische Verhältnisse viel Geld bezahlen muss? Der Durchschnittslohn liegt hier in Maharasthra bei 3.000 Rupien im Monat. Burkina Faso lässt grüßen (kein Witz). Aber Hauptsache, Indien will bis Ende nächsten Jahres eine Mars-Mission auf die Beine stellen. Man leistet sich halt sonst nichts. Deswegen verhungern hier ja auch so viele. Wir freuen uns deshalb schon, wenn nächstes Wochenende wieder ein Schwung Stipendiaten kommen, die es durch diesen Prozess zu schleusen gilt. Der DAAD bekommt langsam ernsthaft Probleme, hier Leute her zu schicken. Aber man opfert ja gern etwas all seine Freiheit, um es den Terroristen damit richtig zu zeigen und „sicherer“ zu sein vor den bösen Ausländern, die ihr Mehr an Wissen in das desolate Bildungssystem des Landes tragen wollen.
            Jedenfalls haben wir dann am nächsten Tag versucht, den Beamten begreiflich zu machen, dass der Vermieter nicht dazu zu bringen ist, nach Koregaon Park zu kommen, wo ich wohne, und wir nicht wissen, was wir machen sollen. Der Polizist meinte wörtlich zu mir „That’s your problem, not my problem.“ und sagte, ich solle mir ein Hotel suchen und darüber die Registrierung machen. Theoretisch geht das auch. Es gibt Agencys, die Dienstleistungen dieser Art für Ausländer anbieten und darüber wäre das auch gegangen. Nur hätte ich dafür auch in einem Hotel wohnen müssen (also nicht nur einen Raum mieten) und dann auch noch 200 Euro für diese Dienstleistung blechen dürfen, was für indische Verhältnisse ein Vermögen ist. Aber auch das hätte mir im letztenendes nicht wirklich weitergeholfen, denn ohne Mietvertrag hätte ich mich auch nicht auf meine neue Wohnadresse umschreiben lassen können und auch kein Wohngeld von der Universität erhalten – was ja pro Monat immerhin 100 Euro sind, die ich nicht einfach in den Wind schießen will, nur weil dieses System und die Leute darin so dumm sind.
            Mittlerweile waren auch schon mehr als zwei Wochen vergangen, in denen ich von einem Ort zum anderen gerannt bin. Manchmal mehrfach, weil sich die Beamten jedes Mal etwas neues haben einfallen lassen, was mir denn bei diesem Besuch an neuerlichen Dokumenten angeblich fehle (ich übertreibe nicht) oder dass ich von dem und dem noch Kopien brauche, was man mir nicht bei meinem letzten Besuch dort hätte sagen können. Ohnehin ist es absolut schwachsinnig, dass ich z. B. meinen Einladungsbrief der Universität dreimal abgeben musste: erstmalig bei der Beantragung meines Visums, dann beim Ausstellen der C-Form und jetzt nochmal bei der Verification, wo auf einmal meine Einladung aus dem März nicht mehr gut genug war und ich plötzlich eine neue brauchte, die bescheinigen sollte, dass ich auch wirklich dort arbeite, wo ich angebe und woher die Einladung stammt. Das sind ganz einfach Maßnahmen, die man nicht mehr als unverhältnismäßig sondern nur noch als Schikane bezeichnen kann. Und wir sind jetzt gerade einmal am Ende meines ersten Versuchs angekommen.
            Ich musste mir nämlich jetzt überlegen, was ich nun mache. Was den Mietvertrag angeht, war unsere WG eine Sackgasse. Aber natürlich wollte ich dort wohnen bleiben: ich hatte ja schon meiner Sachen dort hingeschafft, die Gegend und Wohnung war schön und bezahlbar und ich mochte meine Mitbewohner, für die es eine finanzielle Erleichterung bedeuten würde, wenn ich einzöge. Ein Kollege von mir am Ranade bot mir dann jedoch an, dass ich bei ihm wohnen könne. Er hatte sich in einer Apartment Society eine Eigentumswohnung gekauft, die noch über ein zusätzliches Schlafzimmer verfügte. Der springende Punkt war, dass er mir als Landlord direkt eine C-Form ausstellen konnte und ich mithilfe seiner Schwester, einer Anwältin, an einen Mietvertrag kam. Bevor wir den Mietvertrag hatten, waren wir aber erneut bei der FRRO, um schon einmal die C-Form zu bekommen. Die wollte er uns aber nicht ausstellen, weil ich keinen Mietvertrag hatte. Was total sinnlos war, da ich den beim ersten Mal auch überhaupt nicht gebraucht hatte. Also wieder reine Willkür. Nachdem ich dann die Kosten für den Mietvertrag aus eigener Tasche bezahlt und entsprechenden Vertrag erhalten hatte, bin ich allein zurück zum Office, um die C-Form abgestempelt zu bekommen. Es war ja dann schließlich nur noch eine Formalität. Auf einmal wollte der Typ ernsthaft, dass mein Vermieter und Kollege anwesend sei. What. The. Fuck. Ich musste mich in dem Moment echt zusammenreißen, dass ich nicht ausfallend werde. Der Kerl hatte dann sogar noch den Nerv, mich zu fragen, warum ich denn noch nicht über eine Registrierung verfüge, ohne die Ironie zu begreifen. Zameer (sprich: Samir), mein Landlord, hatte aber an dem Tag nun einmal keine Zeit und es war ein Freitag, wobei der Montag nach dem Wochenende ein Feiertag war. Also hieß es wieder vier Tage warten, bevor wir dann dort gemeinsam hingehen konnten. Dieses Mal ging es halbwegs problemlos und wir konnten die C-Form entgegennehmen.
            Als nächstes stand nun die Verification auf der Polizeistation in Kondhwa an, in dem Stadtteil also, in dem Zameer seine Wohnung hat. Ich hatte mich auch eigentlich gut drauf vorbereitet und alle notwendigen Dokumente dafür gesammelt. Als ich diese abgeben wollte, wurde ich natürlich erneut nach Kopien gefragt, die ich erst einmal noch machen musste. Als wir dann wiederkamen und ich die Kopien hatte, wurde mir dann gesagt, es fehle die Tenant Registration Form... Und wir mussten wieder los und diesmal nach einem Internetcafé suchen, weil die uns diese eine Form natürlich nicht ausdrucken konnten. Wieso auch? Wir haben dann eine Viertelstunde nach einem Café gesucht und schließlich eins gefunden. Als wenn die gewusst hätten, dass ich komme, fiel in dem Moment, als wir eintraten, der Internetserver aus. Mir ist fast das Gesicht eingeschlafen. Also weiter... nach dem nächsten Café suchen. Dort konnten wir die Form endlich im Internet finden und ausdrucken. Bei näherer Inspektion stelle sich dann heraus, dass dafür auch Passfotos notwendig waren – es ist ja nicht so, dass jeweils eins auf meiner Visa- und Passportkopie ausreichend würden. Also einen Fotoladen gesucht, Fotos machen lassen, die jedes Einwohnermeldeamt erschrecken würden und eine halbe Stunde gewartet, bis wir sie schließlich bekamen. Als wir dann zurück zur Polizeistation gegangen sind, waren meine Dokumente vollzählig, aber natürlich durfte ich direkt noch einmal losrennen und meine Tenantform kopieren. Auf der Station sagten sie uns dann auch, sie würden uns dann auch innerhalb der nächsten Tage anrufen und bei Zameer besuchen kommen, um zu verifizieren, dass ich dort auch wirklich wohne. Das hat mir natürlich überhaupt nicht gepasst, denn ich wohne ja schließlich nicht dort, sondern bin gezwungen, dieses kafkaeske System auf diese Art und Weise zu umgehen. Zameer beschwichtigte mich und meinte, bei Ausländern würde man das in der Regel nicht machen, was mir Ilka später ebenfalls bestätigte. Dennoch dachten wir uns, es sei besser, zumindest am Donnerstagabend gemeinsam in der Wohnung zu sein und uns auf Besuch einzustellen. Wir hatten immerhin schon späten Montagnachmittag. Dienstagabend musste Zameer arbeiten und Mittwoch war indischer Independence Day. Als der Donnerstag kam, hatte uns an keinem der vorherigen Tage die Polizei angerufen, um ihr Kommen anzukündigen, was sie machen wollten und wohl auch Standardprozedur ist. Als dann Donnerstagabend niemand kam, wiegten wir uns in Sicherheit und ich ging fest davon aus, ich müsse nur noch auf die Polizeistation und meinen Brief für den dritten und letzten Schritt der Registrierung abholen. Zameer meinte, ich solle erst in der Woche darauf gehen, damit ich nicht umsonst fahre und meine Dokumente noch nicht fertig sind. Ich hasse mich im Nachhinein dafür, dass ich auf ihn gehört habe.
            Als ich nämlich letzten Freitag auf die Polizeistation kam und nach meinem Brief fragte, wurde ein Beamter sehr schnell laut und meinte, man habe mich dort bereits zweimal nicht angetroffen und uns angeblich unter unseren angegebenen Nummern nicht erreicht. Die Beamten waren dort offenbar nicht in der Lage, eine 7 von unserer 1 zu unterscheiden, die sie einfach nur als einen geraden Strich schreiben. Die Story war aber insofern Bullshit, als dass Zameer seine Nummer in der üblichen Notation geschrieben hatte und man ihn in jedem Falle hätte erreichen müssen. Ob wir daher einfach angelogen wurden, lässt sich nur schwer sagen (rückblickend: Ja). Jedenfalls wollten die Beamten dann an dem Abend vorbeikommen, worauf ich nun überhaupt nicht vorbereitet war. Ich hätte nichts in Zameers Wohnung und es sah dort auch nicht so aus als ob ich dort wohnen würde. Das war aber noch das geringere Problem. Ich hatte Zameer am Vortag anrufen wollen, ihn aber nicht erreicht. Er rief mich am selben Abend zurück und teilte mir mit, dass er seit Mittwoch mit Denguefieber im Krankenhaus liege. Fan. Fucking. Tastic. Mein Glück in dieser Angelegenheit war für mich kaum noch zu fassen, das hatte mittlerweile schon Dimensionen jenseits von Gut und Böse angenommen. Ich hatte nämlich auch keinerlei Möglichkeit, in die Wohnung zu kommen und Zameer war im Moment mal wieder per Telefon nicht zu erreichen. Ich versuchte der Polizistin, mit der ich sprach, dann irgendwas zu erzählen, von wegen ich arbeite abends immer lang (die kommen immer so zwischen 6 und 9) und sei deshalb diesen Abend nicht da, könnte es allerhöchstens versuchen. Ich versuchte auch, an ihre Vernunft zu appellieren, weil sie generell gutes Englisch sprach und sich nett gerierte. Der DAAD schickt schließlich keine militanten Milizen ins Land um hier irgendwelche Läden in die Luft zu sprengen. Denn seit dem 1. August war es notwendig, dass die Polizei bei jedem Ausländer, der sich Verifizieren wollte, vorbeischaute. Das war wieder eine Antwort auf den jüngsten Terroranschlag in Pune, der Ende Juli stattfand und zum Glück nach hinten los ging, da die Bomben durch den Dauerregen impotent geworden waren. Jedenfalls war er da wieder, der Generalverdacht und obwohl der DAAD in Indien und besonders in Pune einen ausgezeichneten Ruf genießt, ließ man nicht mit sich reden. Weil, es steckten ja angeblich „Ausländer“ hinter dem Anschlag und ihr kennt ja dieses ausländische Pack, die sind ja alle gleich, samt und sonders Lumpen. Jedenfalls meinte die Beamtin dann zu mir, ich solle dem Wachmann Bescheid sagen, dass er die Polizei empfängt und denen bestätigt, dass ich dort wohne. Es wurde also immer besser. Denn bisher war ich genau einmal bei Zameer – am besagten Donnerstag – und einen Weißen merkt man sich dann schon besser als einen Inder unter dutzenden.
            Ich bin dennoch zu Zameers Wohnung gefahren und habe versucht, dem Wachmann begreiflich zu machen, was ich von ihm will. Der sprach – natürlich – kein Englisch. Ich zeigte ihm meinen Mietvertrag und er bedeutete mir mitzukommen zu einem seiner Kollegen. Der rief den Chef der Society an oder irgend ein Vorstandsmitglied, dem ich die Situation schilderte und der auf einmal davon anfing, Zameer könne nicht einfach jemanden unter Miete aufnehmen, ohne das der Society anzuzeigen. Keine Ahnung, was für einen Dreck den Typen das bei einer Eigentumswohnung angehen soll. Jedenfalls könne man mir nicht die Residentschaft dort bestätigen, wenn ich nicht bei ihm vorstellig werden würde, ich könne mich ja auch direkt mit ihm treffen. Das war natürlich überhaupt nicht in meinem Interesse, denn das kann ja auch potentiell für Zameer Aufwand und Ärger bedeuten, zumal er mir ja aktiv hilft, die Behörden zu belügen, auch wenn die uns im Grunde keine andere Wahl lassen und ich ja auch keinerlei böse Absichten habe ich will ja schließlich mit dem System arbeiten, nicht dagegen. Mir blieb also nur, ihm eine falsche Handynummer von Zameer zu geben und ihm weis zu machen, ich würde mich bei ihm melden, wenn ich Zeit hätte.
            Zameer habe ich davon erst einmal nichts erzählt, er ist wohl heute auch erst aus dem Krankenhaus entlassen worden und befindet sich gerade unter der Obhut seiner Mutter. Jedenfalls konnte ich ihn dann doch noch erreichen und er seine Haushaltshilfe mit einem Schlüssel vorbeischicken, sodass ich zumindest erst einmal Zugang zur Wohnung bekam. Ich konnte natürlich nicht viel mitnehmen außer ein paar Shirts und Unterwäsche, die allenfalls als Indizienbeweise dafür getaugt hätten, zu bestätigen, dass ich dort auch wohne, wo ich angebe zu wohnen. Und dann harrte ich eben den ganzen Abend in der Wohnung aus, in Erwartung, dass sie anrufen und kommen würden. Von lauter Zweifeln geplagt: Was würden sie fragen? Was würden sie sich ansehen wollen? Was wäre, wenn sie mir nicht glauben würden, dass ich hier wohne? Was, wenn sie den Wächter fragten und der ihnen sagt, er habe mich heute zum ersten Mal gesehen? Es rief niemand an und es kam auch niemand. Auch über das Wochenende meldete sich bei mir niemand. Mittlerweile sitze ich schon seit zweieinhalb Stunden in Zameers Wohnung und vor diesem Textdokument, ohne Pause. Ich habe einfach Angst, wieder auf die Polizeistation zu gehen. Vielleicht kommen sie ja heute doch noch, oder morgen. Mittwoch muss ich spätestens hin, weil die Registrierung sonst immer weiter verzögert wird, was mit Sicherheit auch zu weiteren Problemen führen kann, an die ich nicht zu denken wage. Im Moment wäre es mir am liebsten, wenn es jetzt gleich an der Tür klingelte und die Polizisten kommen, damit ich es hinter mir habe. Immerhin habe ich jetzt auch meine Bildersammlung mit Bildern meiner Familie hier, meine Waschtasche, ein paar Anziehsachen, schmutzige und gewaschene. Ich könnte tatsächlich hier wohnen.
            Dennoch fühle ich mich im Moment einfach nur schrecklich. Es schwebt ein Damoklesschwert über mir, das droht, mein Kartenhaus zum Einfall zu bringen – mit Konsequenzen, die für mich nicht abzusehen sind. Am Samstag haben wir Ilkas Geburtstag bei Freunden gefeiert und nachts um zwei Stand plötzlich die Polizei vor der Tür. Ich bin ein Ausländer, der sich seit über sechs Wochen im Land befindet und keine Registrierung vorweisen kann. Im schlimmsten Fall kann man mich in einen Flieger setzen und wieder nach Hause schicken. Ich meine das völlig ernst – das liegt bei meiner Situation und wie sie sich gestaltet mittlerweile durchaus im Bereich des Möglichen. Begegnungen mit der Polizei sind hier immer kritisch, gerade, wenn Ausländer anwesend sind. Zum Glück konnten einige der Inder, mit denen wir gefeiert haben, Marathi sprechen, was die Situation schon einmal entschärft hat. In der Regel sprechen nämlich die Bramahnen, also die höchste Kaste in Indien, und deren Kinder nur Hindi und Englisch, wodurch sie leicht als solche zu identifizieren sind. Mit dem teilweise starken sozialen Gefälle und der geringen sozialen Mobilität innerhalb der Gesellschaft erzeugt das natürlich viel Reibung – gerade dann, wenn die Polizisten, die aus niederen Kasten kommen, sich in so einer Machtposition befinden. Auch bei anderen Beamten ist das so. Die wollen sich wichtig fühlen und mir „Sir“ oder „Madam“ angesprochen werden, auch wenn sie nicht besser sind als ein gemeiner Krimineller. Denn unsere Party-Polizisten ließen sich dann auch nur nach einer erfolgreichen Bestechung zum Gehen überreden. Das ist hier einfach der Alltag in Indien. Und jeder, der mich kennt, wird wissen, wie schwer es mir fällt, meinen Stolz herunterzuschlucken. Aber hier geht es nicht mehr darum, seinem Chef nicht zu sagen, was man wirklich von ihm hält, sondern darum, sich nicht zur Zielscheibe von Machtmissbrauch zu machen, weil man sich nicht beherrschen kann. Das kann hier Konsequenzen haben, die man sich in Deutschland nie träumen lassen würde. Ich liebe das Land, aber ich hasse dieses System. Und ich hasse die Menschen, die für dieses System arbeiten und einem nur Steine in den Weg legen, weil sie nicht kulant sein können oder in den meisten Fällen nicht sein wollen. Ich habe jedenfalls keine Lust, wegen dieser sinnlosen Schikane eine oder mehrere Nächte in einem indischen Gefängnis zu verbringen.
            Ich kann mit absoluter Sicherheit sagen, dass es sich bei meiner Registrierung um das absolut Schlimmste handelt, was mir je in meinem Leben widerfahren ist. Mit Abstand. Es frisst einfach an mir und das schon seit Wochen. Und dass es in den letzten Tagen nun derart eskalieren würde, hätte ich mir nie träumen lassen. Ich habe in meinem Videolog gesagt, dass es viele Sachen gibt, über die ich mich zwar aufregen kann, die mir aber mein Gesamterlebnis nicht versauern, vor allem deshalb, weil die meisten Inder außerhalb dieses Systems tolle Menschen sind. Das hat sich auch nicht geändert. Ich weiß nur nicht, ob ich das immer noch für meine Gesamtbilanz sagen kann. Ich werde das auch alles überleben, aber ich kann es euch mit Brief und Siegel geben, dass Indien auf immer ein Schwellenland bleiben wird, weil es von Korruption und Angst vor Terror durchsetzt ist bis ins Mark. Irgendwie werde ich die Registrierung hinter mich bringen. Hoffentlich nicht auf Kosten meines Stipendiums.

Addendum: Mittlerweile ist eine Woche vergangen, seitdem ich den Post geschrieben habe. Ich bin unterdessen tatsächlich zu meiner Verification gekommen, aber lasst euch sagen, dass mir das auch nur mit viel Glück gelungen ist. Ich bin mittlerweile zu der Überzeugung gelangt, dass die Beamten niemals an Zameers Wohnung waren. Ganz einfach, weil sie keine Lust hatten und lügen bequemer ist und alle Indizien dafürsprechen. Ich bin dann wie gesagt am Mittwoch mit Sameer, also Zameers Freund, zur Polizeistation gegangen. Anfangs war der Beamte dort auch wieder sehr vorwurfsvoll. Aber als mein Begleiter dann den Namen eines ehemaligen Mitarbeiters dort nannte, der mittlerweile befördert und versetzt worden war, änderte sich der Ton des Gespräches auf einmal und der Mann wurde richtig entgegenkommen. Er schlug eine Zeit vor, die mir passte, weil ich an diesem Abend tatsächlich arbeiten musste und war dann auch kurz nach dem angegebenen Zeitpunkt an der Wohnung. Ich war natürlich extrem angespannt, aber er nahm einfach in der Stube platz, fragte nach meinen Dokumenten, machte seine Eintragungen und ging wieder. Das ganze dauerte zehn Minuten, in denen er unglaublich freundlich war und als er ging, sagte er mir, ich könne mir den Brief gleich morgen abholen. Wir schickten ihm dann noch Sameer hinterher, dass er ihm noch 200 Rupien in die Hand drückte was er nach Aussage von Sameer auch erwartet hatte – und am nächsten Morgen hielt ich dann tatsächlich meinen Brief in Händen. Klar ist auf jeden Fall: Ohne Sameer wäre das niemals so reibungslos abgelaufen, wenn überhaupt. Ohne Kontakte ist man hier als Ausländer leider total aufgeschmissen, selbst wenn es manchmal nur darum geht, dass diese Leute ihren Job machen sollen. Aber so ist Indien. Ich werde die Tage auf jeden Fall noch einen weiteren Text zur Qualität der Polizei hier schreiben müssen...

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