27.08.2012, 16.47 Uhr
Pune
HINWEIS: Dieser Eintrag wurde vor einer Woche geschrieben - aktuelle Details gibt es im Addendum am Ende des Eintrages; die aktuelleren Beiträge von heute finden sich weiter unten. Ich wollte den Post eigentlich nicht öffentlich machen, aber fühle mich bei den derzeitigen Entwicklungen hier in Pune schlichtweg genötigt, die Dinge auch so darzustellen, wie sie sind. Und zwar größtenteils ungeschminkt.
Ich
möchte es gleich vorab sagen: Das hier wird ein sehr langer Eintrag ohne
Bilder. Wem das nicht passt, der sollte an dieser Stelle aufhören, zu lesen,
denn ich muss mir jetzt ein paar Dinge einfach einmal von der Seele schreiben.
Es ist meine Geschichte über einen Prozess der sich Registrierung nennt. Ein
Prozess, durch den alle Ausländer gehen müssen, die sich längere Zeit in Indien
aufhalten wollen. Ein Prozess, in dem ich mich seit bereits sieben Wochen
befinde und für den ich bisher für mich noch kein Licht am Ende des Tunnels sehen
kann. Doch lasst mich dort den Erzählfaden aufnehmen, wo die Geschichte einst
ihren Anfang nahm.
Bevor ich nach Indien einreisen durfte, musste
ich mir ein Visum organisieren – was oftmals schon die erste bürokratische
Hürde darstellt. Ich habe diese Hürde allerdings mit Bravour genommen und, was
nicht selbstverständlich ist, sogar das korrekte Visum (X-Entry) ausgestellt
bekommen. Mein Vorgänger hingegen hatte damit weniger Glück und erhielt ein
Arbeitsvisum, was insofern problematisch war, als man dafür einen gewissen
Grundverdienst im Lande nachweisen muss. Letztendlich ließ sich das nur dadurch
lösen, dass eine Inderin für ihn (finanziell) bürgte – und wer macht das schon
gern für jemanden, den er kaum kennt? Deshalb war ich sehr optimistisch, was
meinen eigenen Registrierungsprozess angehen würde – ich hatte ja keine Ahnung.
Seht ihr, der Prozess ist ein dreistufiger. Zuerst gilt es, sich eine C-Form
ausstellen zu lassen. Das ist ein Dokument, das euer Vermieter innerhalb von
24h beim Foreigner Regional Registration Office (FRRO) zu produzieren hat, um
zu melden, dass ihr bei ihm unterkommt. Hotels sind auch dazu verpflichtet,
allerdings gestaltet sich das dort alles recht unbürokratisch, weil deren
Agenten, die sich damit befassen, jeden Tag bei der FRRO antanzen und einen
Schwung C-Forms abgeben, auf die dann keiner so genau schaut. Bei
Privatpersonen sieht das dann schon wieder anders aus, vor allem, wenn sie
einen Ausländer beherbergen wollen.
Zu diesem Thema möchte ich an dieser
Stelle direkt etwas sagen: In Indien hat der Terrorismus gesiegt und zwar auf
ganzer Linie. Es ist einfach erschreckend, wie ein paar Anschläge in den
letzten Jahren es geschafft haben, das Land und die Regierung an den Rand der
Xenophobie zu treiben. Wenn nicht sogar noch weiter. Als Ausländer ist man hier
Ausländer, ganz gleich, wo man herkommt oder wieso man sich hier befindet. Man
wird schlichtweg unter Generalverdacht gestellt, was einfach nur abartig ist.
Leute wie ich kommen in dieses Land, um hier zu arbeiten und letztendlich
Indien einen Dienst zu erweisen (von den Indern sehe ich ja keinen Cent) und
stehen im Zweifelsfall auf einer Stufe mit Mudjahiddeen und Taliban. Jeder neue
Anschlag führt zu neuen Sicherheitsvorkehrungen, die es einem Ausländer immer
schwerer machen, sich zu registrieren und gleichzeitig absolut sinnlos sind,
weil ich in den letzten sieben Wochen bereits genug Zeit gehabt hätte, hier Läden
in die Luft zu jagen, ohne dass mich diese bürokratischen Hürden auch nur
irgendwie davon hätten abhalten können. Das einzige, wovon sie mich abhalten,
ist meine Registrierung zu bekommen und das tun sie mit erschreckender
Effektivität.
Mein erster Versuch, mich zu
registrieren, veranschaulich das ganz gut. Um den Prozess überhaupt erst einmal
initiieren zu können, braucht man, wie bereits gesagt, eine C-Form. Dabei
sollte mir dazumal Anuj helfen, der, während sich meine Kollegin Anja mit ihrer
Familie in Deutschland befand, als Teilzeitkraft für das DAAD-Büro in Pune
arbeitete und von ihr beauftragt wurde, mich auf diesem Abenteuer zu begleiten.
Zu diesem Zeitpunkt war ich aber in keinster Weise darauf vorbereitet, was man
im FRRO alles an Dokumenten von mir verlangen würde, aber das war noch das
geringste Problem. Anja hatte mir lediglich zwei von ihr unterschriebene und
ansonsten unausgefüllte C-Forms überlassen, was aus zwei Gründen problematisch
war: Erstens reicht es nicht aus, nur die C-Form zu haben, wie Anuj schnell
heraus fand. Neben dem Einladungsbrief der Universität und einen Nachweis über
meinen Verdienst (Stipendium) wird auch noch eine Art Address-Proof in Form
eines Mietvertrages, einer Stromrechnung o. ä. verlangt. Während die
ersten beiden Dinge leicht zu beschaffen waren, gab es keine Möglichkeit, an so
einen Address-Proof zu kommen, ohne groß durch die Unterlagen der Hallackers zu
stöbern, was ich selbstverständlich nicht machen wollte. Aber auch, wenn es mir
gelungen wäre, an so ein Dokument zu kommen, stand da immer noch ein anderes
Problem. Denn zweitens muss nicht der Bewohner des Hauses die C-Form ausfüllen,
sondern der Vermieter. Da die Hallackers nur Hausbesitzer und nicht -eigentümer
sind, half mir Anjas Unterschrift dementsprechend wenig.
Da ich ohnehin wenig Lust hatte, ein
zweites Mal durch den Prozess zu gehen – denn ich wollte ja sowieso in
absehbarer Zeit dort ausziehen – habe ich mir erst einmal meine WG in spe
angeschaut, in der ich auch jetzt wohne. Mit Ilka und Satyen habe ich zwei gute
Freunde und Mitbewohner gefunden, die mich bisher beide nach Kräften
unterstützt haben. Sie waren mir von Anfang an sympathisch, weshalb ich auch
beim ersten Besuch direkt beschlossen hatte, dort einzuziehen. Also galt es nun,
sich für diese Wohnung eine C-Form zu besorgen – spät dran war ich ohnehin
schon. Ich habe mir also von Satyen die C-Form ausfüllen und eine Kopie seines
Mietvertrages geben lassen, mit denen ich dann, Anuj im Schlepptau, zur FRRO gefahren
bin. Aufmerksamen Lesern wird bereits aufgefallen sein, was sich alsbald zum
Problem entwickeln sollte: Satyen und Ilka sind natürlich nicht die Eigentümer
unserer Wohnung. Die gehört einem Mann in seinen 70ern, der in einem außerhalb
gelegenen Stadtteil Punes lebt und auch nicht mehr so gut versteht, was die
jungen Leute immer wollen und wieso die Kinder draußen schon wieder so laut
sein müssen beim Spielen. Rückblickend also kein Wunder, dass der erstmalige
Besuch dort ein Schuss in den Ofen war und uns der Beamte dort mit Nachdruck
nach dem Landlord (Vermieter) fragte, der im Mietvertrag als Lizenzgeber
eingetragen war – zumal mein Name dort nirgendwo zu finden war. Satyen hatte
mir zwar eine Art Mietvertrag geschrieben, aber da ihm dazu die notwendigen
Vollmachten fehlten, war dieser nur so viel wert wie das Papier, auf dem er
gedruckt war.
Wir mussten also unverrichteter
Dinge wieder abrücken und Satyen zum anderen Ende der Stadt schicken, damit er
dem Vermieter dessen Unterschrift abringen konnte. Darüber hinaus musste dieser
auch noch auf der C-Form beglaubigen, dass er wisse, dass ich bei Ilka und
Satyen wohne und er damit kein Problem habe. Soweit so gut. Damit sind wir dann
zur FRRO zurück und wollten die Dokumente abgeben. Woraufhin der Beamte dann
meinte, wir müssten uns erst Kopien davon machen. Ooooookay. Wir sind dann also zu einem Copyshop in der Nähe, haben ein
paar Abzüge machen lassen und konnten dann endlich den Stempel für meine C-Form
erwirken. Dass Anuj mit dem Beamten auf Marathi sprechen konnte, hat auch
seinen Teil zu unserem „Erfolg“ beigetragen. Wieso das so wichtig ist, erzähle
ich noch.
Damit, meine Damen und Herren, war
ich endlich in Phase zwei angelangt. Nach nur gerade einmal zwei Wochen und
eineinhalb Seiten Text. Wollt ihr wirklich weiterlesen? Okay.
Phase zwei besteht darin, seine
Foreigner-Verification zu bekommen. Dazu muss man in der jeweiligen
Polizeistation des Stadtviertels, in dem die Wohnung liegt, vorstellig werden
und erneut einen Schwung an Papieren mit sich führen. Neuerlicherweise muss
auch der Landlord persönlich anwesend sein und bestätigen, dass man dort wie
angegeben wohnt. Das hat mir der Polizist zumindest ins Gesicht geschrien, als
ich irgendwie nicht verstanden habe, wieso das jetzt sein müsse. Denn als Ilka
sich vor zwei Jahren dort verifiziert hat, war das noch nicht notwendig. Ladies
and Gentlemen: Terrorismus! Das ist nämlich eine dieser tollen Regulationen,
die neuerlich implementiert worden waren, um einem das Leben schwer zu machen.
Ich habe deshalb den Landlord angerufen und das Telefon an den Beamten weitergereicht.
Verwirrt, wie er alte Mann war, hat er nicht richtig begriffen, worum es ging.
Die Polizisten behaupteten später, er wisse nichts von mir, wobei ich eher
davon ausgehe, dass das eine Lüge war. Denen ist alles zuzutrauen. Auch der
Versuch, Satyen dazu zu holen und die Lage zu deeskalieren fruchtete nichts.
Selbige Beamte waren in dem Moment auch dabei, zwei andere Inder
zusammenzubrüllen, die ebenfalls eine Ausländerin dort verifizieren wollten.
Nachdem wir die Situation zu Hause
noch einmal durchgesprochen hatten, versuchten Ilka und Satyen, den
Hausbesitzer irgendwie dazu zu bewegen, mit auf die Polizeistation zu kommen.
Aber wie bereits gesagt: der Mann ist alt und geistig auch nicht mehr unbedingt
auf voller Höhe und wollte sich selbst, als wir ihm anboten, einen Fahrer zu
stellen, nicht überreden lassen. Ohnehin hätte er zweimal kommen müssen. Denn
auf der Polizeistation erfuhr ich dann auch, dass für diesen Schritt jetzt auch
ein gültiger Mietvertrag vonnöten sei. Das gestaltet sich in Indien ziemlich
schwierig. Einen Mietvertrag kann man nämlich nur auf dem Gericht aufsetzen
lassen, wo er dann auch – in Beisein des Vermieters und zweier Zeugen – notariell
beglaubigt werden muss. Gerade weil der Vermieter selbst Anwalt war, hatte er
den Anspruch (und wahrscheinlich auch die Verpflichtung), alles akkurat machen
zu müssen und wusste daher auch, was für ein Aufwand da auf ihn zukommen würde.
Einfach einen Untermietervertrag aufsetzen ist hier nicht drin. Außerdem kostet
das direkt 2.000 Rupien, was für Inder viel Geld ist.
Damit möchte ich auch kurz meinen
anderen Faden von vorhin wieder aufnehmen, was die Xenophobie angeht. Der
deutsche Botschafter hat im Namen des DAAD bereits Beschwerde beim indischen
Konsul eingelegt, was im Grunde das höchste diplomatische Mittel ist, was einem
zur Verfügung steht. Eine Beschwerde ist deshalb nötig, weil es aufgrund dieser
bürokratischen Repressalien jedes Jahr schwerer wird, Stipendiaten nach Indien
zu schicken. Beziehungsweise: das Senden ist nicht schwer, nur findet sich für
die Stipendiaten dann nur unter sehr viel Aufwand eine Wohnung. Denn obwohl sie
in der Regel Visa erhalten, die weniger als 180 Tage gelten, bekommen sie
mittlerweile bei der Immigration einen Stempel der sagt: Registration
necessary. Ohne auch nur einen Grund dafür genannt zu bekommen. Während es
früher gereicht hat, sie während ihres Aufenthalts bei jemandem unterzubringen,
der lediglich eine C-Form ausstellen musste, müssen sie jetzt zwingend an einen
Mietvertrag kommen, worauf die wenigsten Vermieter Lust haben. Ich meine, ich
kann das verstehen. Wer will sich schon den ganzen bürokratischen Aufwand
machen, wenn die Mieter dann eh nur für ein paar Monate bleiben und man für den
Spaß dann auch noch für indische Verhältnisse viel Geld bezahlen muss? Der
Durchschnittslohn liegt hier in Maharasthra bei 3.000 Rupien im Monat. Burkina Faso
lässt grüßen (kein Witz). Aber Hauptsache, Indien will bis Ende nächsten Jahres
eine Mars-Mission auf die Beine stellen. Man leistet sich halt sonst nichts.
Deswegen verhungern hier ja auch so viele. Wir freuen uns deshalb schon, wenn
nächstes Wochenende wieder ein Schwung Stipendiaten kommen, die es durch diesen
Prozess zu schleusen gilt. Der DAAD bekommt langsam ernsthaft Probleme, hier
Leute her zu schicken. Aber man opfert ja gern etwas all seine Freiheit,
um es den Terroristen damit richtig zu zeigen und „sicherer“ zu sein vor den
bösen Ausländern, die ihr Mehr an Wissen in das desolate Bildungssystem des
Landes tragen wollen.
Jedenfalls haben wir dann am
nächsten Tag versucht, den Beamten begreiflich zu machen, dass der Vermieter
nicht dazu zu bringen ist, nach Koregaon Park zu kommen, wo ich wohne, und wir
nicht wissen, was wir machen sollen. Der Polizist meinte wörtlich zu mir
„That’s your problem, not my problem.“ und sagte, ich solle mir ein Hotel
suchen und darüber die Registrierung machen. Theoretisch geht das auch. Es gibt
Agencys, die Dienstleistungen dieser Art für Ausländer anbieten und darüber
wäre das auch gegangen. Nur hätte ich dafür auch in einem Hotel wohnen müssen
(also nicht nur einen Raum mieten) und dann auch noch 200 Euro für diese
Dienstleistung blechen dürfen, was für indische Verhältnisse ein Vermögen ist.
Aber auch das hätte mir im letztenendes nicht wirklich weitergeholfen, denn ohne
Mietvertrag hätte ich mich auch nicht auf meine neue Wohnadresse umschreiben
lassen können und auch kein Wohngeld von der Universität erhalten – was ja pro
Monat immerhin 100 Euro sind, die ich nicht einfach in den Wind schießen will,
nur weil dieses System und die Leute darin so dumm sind.
Mittlerweile waren auch schon mehr
als zwei Wochen vergangen, in denen ich von einem Ort zum anderen gerannt bin. Manchmal
mehrfach, weil sich die Beamten jedes Mal etwas neues haben einfallen lassen,
was mir denn bei diesem Besuch an neuerlichen Dokumenten angeblich fehle (ich
übertreibe nicht) oder dass ich von dem und dem noch Kopien brauche, was man
mir nicht bei meinem letzten Besuch dort hätte sagen können. Ohnehin ist es
absolut schwachsinnig, dass ich z. B. meinen Einladungsbrief der
Universität dreimal abgeben musste: erstmalig bei der Beantragung meines
Visums, dann beim Ausstellen der C-Form und jetzt nochmal bei der Verification,
wo auf einmal meine Einladung aus dem März nicht mehr gut genug war und ich plötzlich
eine neue brauchte, die bescheinigen sollte, dass ich auch wirklich dort
arbeite, wo ich angebe und woher die Einladung stammt. Das sind ganz einfach
Maßnahmen, die man nicht mehr als unverhältnismäßig sondern nur noch als Schikane
bezeichnen kann. Und wir sind jetzt gerade einmal am Ende meines ersten
Versuchs angekommen.
Ich musste mir nämlich jetzt
überlegen, was ich nun mache. Was den Mietvertrag angeht, war unsere WG eine
Sackgasse. Aber natürlich wollte ich dort wohnen bleiben: ich hatte ja schon
meiner Sachen dort hingeschafft, die Gegend und Wohnung war schön und bezahlbar
und ich mochte meine Mitbewohner, für die es eine finanzielle Erleichterung
bedeuten würde, wenn ich einzöge. Ein Kollege von mir am Ranade bot mir dann jedoch
an, dass ich bei ihm wohnen könne. Er hatte sich in einer Apartment Society
eine Eigentumswohnung gekauft, die noch über ein zusätzliches Schlafzimmer
verfügte. Der springende Punkt war, dass er mir als Landlord direkt eine C-Form
ausstellen konnte und ich mithilfe seiner Schwester, einer Anwältin, an einen
Mietvertrag kam. Bevor wir den Mietvertrag hatten, waren wir aber erneut bei
der FRRO, um schon einmal die C-Form zu bekommen. Die wollte er uns aber nicht
ausstellen, weil ich keinen Mietvertrag hatte. Was total sinnlos war, da ich
den beim ersten Mal auch überhaupt nicht gebraucht hatte. Also wieder reine
Willkür. Nachdem ich dann die Kosten für den Mietvertrag aus eigener Tasche
bezahlt und entsprechenden Vertrag erhalten hatte, bin ich allein zurück zum
Office, um die C-Form abgestempelt zu bekommen. Es war ja dann schließlich nur
noch eine Formalität. Auf einmal wollte der Typ ernsthaft, dass mein Vermieter
und Kollege anwesend sei. What. The. Fuck. Ich musste mich in dem Moment echt zusammenreißen,
dass ich nicht ausfallend werde. Der Kerl hatte dann sogar noch den Nerv, mich
zu fragen, warum ich denn noch nicht über eine Registrierung verfüge, ohne die
Ironie zu begreifen. Zameer (sprich: Samir), mein Landlord, hatte aber an dem
Tag nun einmal keine Zeit und es war ein Freitag, wobei der Montag nach dem
Wochenende ein Feiertag war. Also hieß es wieder vier Tage warten, bevor wir
dann dort gemeinsam hingehen konnten. Dieses Mal ging es halbwegs problemlos
und wir konnten die C-Form entgegennehmen.
Als nächstes stand nun die
Verification auf der Polizeistation in Kondhwa an, in dem Stadtteil also, in
dem Zameer seine Wohnung hat. Ich hatte mich auch eigentlich gut drauf
vorbereitet und alle notwendigen Dokumente dafür gesammelt. Als ich diese
abgeben wollte, wurde ich natürlich erneut nach Kopien gefragt, die ich erst
einmal noch machen musste. Als wir dann wiederkamen und ich die Kopien hatte,
wurde mir dann gesagt, es fehle die Tenant Registration Form... Und wir mussten
wieder los und diesmal nach einem
Internetcafé suchen, weil die uns diese eine Form natürlich nicht ausdrucken
konnten. Wieso auch? Wir haben dann eine Viertelstunde nach einem Café gesucht
und schließlich eins gefunden. Als wenn die gewusst hätten, dass ich komme,
fiel in dem Moment, als wir eintraten, der Internetserver aus. Mir ist fast das
Gesicht eingeschlafen. Also weiter... nach dem nächsten Café suchen. Dort
konnten wir die Form endlich im Internet finden und ausdrucken. Bei näherer
Inspektion stelle sich dann heraus, dass dafür auch Passfotos notwendig waren –
es ist ja nicht so, dass jeweils eins auf meiner Visa- und Passportkopie
ausreichend würden. Also einen Fotoladen gesucht, Fotos machen lassen, die
jedes Einwohnermeldeamt erschrecken würden und eine halbe Stunde gewartet, bis
wir sie schließlich bekamen. Als wir dann zurück zur Polizeistation gegangen
sind, waren meine Dokumente vollzählig, aber natürlich durfte ich direkt noch
einmal losrennen und meine Tenantform kopieren. Auf der Station sagten sie uns
dann auch, sie würden uns dann auch innerhalb der nächsten Tage anrufen und bei
Zameer besuchen kommen, um zu verifizieren, dass ich dort auch wirklich wohne.
Das hat mir natürlich überhaupt nicht gepasst, denn ich wohne ja schließlich
nicht dort, sondern bin gezwungen, dieses kafkaeske System auf diese Art und
Weise zu umgehen. Zameer beschwichtigte mich und meinte, bei Ausländern würde
man das in der Regel nicht machen, was mir Ilka später ebenfalls bestätigte.
Dennoch dachten wir uns, es sei besser, zumindest am Donnerstagabend gemeinsam
in der Wohnung zu sein und uns auf Besuch einzustellen. Wir hatten immerhin
schon späten Montagnachmittag. Dienstagabend musste Zameer arbeiten und
Mittwoch war indischer Independence Day. Als der Donnerstag kam, hatte uns an
keinem der vorherigen Tage die Polizei angerufen, um ihr Kommen anzukündigen,
was sie machen wollten und wohl auch Standardprozedur ist. Als dann
Donnerstagabend niemand kam, wiegten wir uns in Sicherheit und ich ging fest
davon aus, ich müsse nur noch auf die Polizeistation und meinen Brief für den
dritten und letzten Schritt der Registrierung abholen. Zameer meinte, ich solle
erst in der Woche darauf gehen, damit ich nicht umsonst fahre und meine
Dokumente noch nicht fertig sind. Ich hasse mich im Nachhinein dafür, dass ich
auf ihn gehört habe.
Als ich nämlich letzten Freitag auf
die Polizeistation kam und nach meinem Brief fragte, wurde ein Beamter sehr
schnell laut und meinte, man habe mich dort bereits zweimal nicht angetroffen
und uns angeblich unter unseren angegebenen Nummern nicht erreicht. Die Beamten waren dort offenbar nicht in der Lage, eine 7 von unserer 1 zu unterscheiden, die sie
einfach nur als einen geraden Strich schreiben. Die Story war aber insofern
Bullshit, als dass Zameer seine Nummer in der üblichen Notation geschrieben
hatte und man ihn in jedem Falle hätte erreichen müssen. Ob wir daher einfach
angelogen wurden, lässt sich nur schwer sagen (rückblickend: Ja). Jedenfalls wollten die Beamten
dann an dem Abend vorbeikommen, worauf ich nun überhaupt nicht vorbereitet war.
Ich hätte nichts in Zameers Wohnung und es sah dort auch nicht so aus als ob
ich dort wohnen würde. Das war aber noch das geringere Problem. Ich hatte
Zameer am Vortag anrufen wollen, ihn aber nicht erreicht. Er rief mich am selben
Abend zurück und teilte mir mit, dass er seit Mittwoch mit Denguefieber im
Krankenhaus liege. Fan. Fucking. Tastic. Mein Glück in dieser Angelegenheit war
für mich kaum noch zu fassen, das hatte mittlerweile schon Dimensionen jenseits
von Gut und Böse angenommen. Ich hatte nämlich auch keinerlei Möglichkeit, in
die Wohnung zu kommen und Zameer war im Moment mal wieder per Telefon nicht zu
erreichen. Ich versuchte der Polizistin, mit der ich sprach, dann irgendwas zu erzählen, von wegen ich arbeite abends immer lang (die kommen immer
so zwischen 6 und 9) und sei deshalb diesen Abend nicht da, könnte es
allerhöchstens versuchen. Ich versuchte auch, an ihre Vernunft zu appellieren,
weil sie generell gutes Englisch sprach und sich nett gerierte. Der DAAD
schickt schließlich keine militanten Milizen ins Land um hier irgendwelche Läden in die Luft zu sprengen. Denn seit dem 1. August war es notwendig, dass
die Polizei bei jedem Ausländer, der sich Verifizieren wollte, vorbeischaute.
Das war wieder eine Antwort auf den jüngsten Terroranschlag in Pune, der Ende
Juli stattfand und zum Glück nach hinten los ging, da die Bomben durch den Dauerregen
impotent geworden waren. Jedenfalls war er da wieder, der Generalverdacht und obwohl
der DAAD in Indien und besonders in Pune einen ausgezeichneten Ruf genießt,
ließ man nicht mit sich reden. Weil, es steckten ja angeblich „Ausländer“
hinter dem Anschlag und ihr kennt ja dieses ausländische Pack, die sind ja alle
gleich, samt und sonders Lumpen. Jedenfalls meinte die Beamtin dann zu mir, ich solle dem Wachmann
Bescheid sagen, dass er die Polizei empfängt und denen bestätigt, dass ich dort
wohne. Es wurde also immer besser. Denn bisher war ich genau einmal bei Zameer
– am besagten Donnerstag – und einen Weißen merkt man sich dann schon besser
als einen Inder unter dutzenden.
Ich bin dennoch zu Zameers Wohnung
gefahren und habe versucht, dem Wachmann begreiflich zu machen, was ich von ihm
will. Der sprach – natürlich – kein Englisch. Ich zeigte ihm meinen Mietvertrag
und er bedeutete mir mitzukommen zu einem seiner Kollegen. Der rief den Chef
der Society an oder irgend ein Vorstandsmitglied, dem ich die Situation schilderte
und der auf einmal davon anfing, Zameer könne nicht einfach jemanden unter Miete
aufnehmen, ohne das der Society anzuzeigen. Keine Ahnung, was für einen Dreck
den Typen das bei einer Eigentumswohnung angehen soll. Jedenfalls könne man mir
nicht die Residentschaft dort bestätigen, wenn ich nicht bei ihm vorstellig
werden würde, ich könne mich ja auch direkt mit ihm treffen. Das war natürlich
überhaupt nicht in meinem Interesse, denn das kann ja auch potentiell für
Zameer Aufwand und Ärger bedeuten, zumal er mir ja aktiv hilft, die Behörden zu
belügen, auch wenn die uns im Grunde keine andere Wahl lassen und ich ja auch
keinerlei böse Absichten habe – ich will ja schließlich mit dem System arbeiten, nicht dagegen. Mir blieb also nur, ihm eine falsche Handynummer
von Zameer zu geben und ihm weis zu machen, ich würde mich bei ihm melden, wenn
ich Zeit hätte.
Zameer habe ich davon erst einmal
nichts erzählt, er ist wohl heute auch erst aus dem Krankenhaus entlassen
worden und befindet sich gerade unter der Obhut seiner Mutter. Jedenfalls
konnte ich ihn dann doch noch erreichen und er seine Haushaltshilfe mit einem
Schlüssel vorbeischicken, sodass ich zumindest erst einmal Zugang zur Wohnung
bekam. Ich konnte natürlich nicht viel mitnehmen außer ein paar Shirts und
Unterwäsche, die allenfalls als Indizienbeweise dafür getaugt hätten, zu
bestätigen, dass ich dort auch wohne, wo ich angebe zu wohnen. Und dann harrte
ich eben den ganzen Abend in der Wohnung aus, in Erwartung, dass sie anrufen
und kommen würden. Von lauter Zweifeln geplagt: Was würden sie fragen? Was
würden sie sich ansehen wollen? Was wäre, wenn sie mir nicht glauben würden,
dass ich hier wohne? Was, wenn sie den Wächter fragten und der ihnen sagt, er
habe mich heute zum ersten Mal gesehen? Es rief niemand an und es kam auch
niemand. Auch über das Wochenende meldete sich bei mir niemand. Mittlerweile
sitze ich schon seit zweieinhalb Stunden in Zameers Wohnung und vor diesem
Textdokument, ohne Pause. Ich habe einfach Angst, wieder auf die Polizeistation
zu gehen. Vielleicht kommen sie ja heute doch noch, oder morgen. Mittwoch muss
ich spätestens hin, weil die Registrierung sonst immer weiter verzögert wird,
was mit Sicherheit auch zu weiteren Problemen führen kann, an die ich nicht zu
denken wage. Im Moment wäre es mir am liebsten, wenn es jetzt gleich an der Tür
klingelte und die Polizisten kommen, damit ich es hinter mir habe. Immerhin
habe ich jetzt auch meine Bildersammlung mit Bildern meiner Familie hier, meine
Waschtasche, ein paar Anziehsachen, schmutzige und gewaschene. Ich könnte
tatsächlich hier wohnen.
Dennoch fühle ich mich im Moment
einfach nur schrecklich. Es schwebt ein Damoklesschwert über mir, das droht,
mein Kartenhaus zum Einfall zu bringen – mit Konsequenzen, die für mich nicht
abzusehen sind. Am Samstag haben wir Ilkas Geburtstag bei Freunden gefeiert und
nachts um zwei Stand plötzlich die Polizei vor der Tür. Ich bin ein Ausländer,
der sich seit über sechs Wochen im Land befindet und keine Registrierung
vorweisen kann. Im schlimmsten Fall kann man mich in einen Flieger setzen und
wieder nach Hause schicken. Ich meine das völlig ernst – das liegt bei meiner
Situation und wie sie sich gestaltet mittlerweile durchaus im Bereich des
Möglichen. Begegnungen mit der Polizei sind hier immer kritisch, gerade, wenn
Ausländer anwesend sind. Zum Glück konnten einige der Inder, mit denen wir
gefeiert haben, Marathi sprechen, was die Situation schon einmal entschärft
hat. In der Regel sprechen nämlich die Bramahnen, also die höchste Kaste in
Indien, und deren Kinder nur Hindi und Englisch, wodurch sie leicht als solche
zu identifizieren sind. Mit dem teilweise starken sozialen Gefälle und der geringen
sozialen Mobilität innerhalb der Gesellschaft erzeugt das natürlich viel
Reibung – gerade dann, wenn die Polizisten, die aus niederen Kasten kommen,
sich in so einer Machtposition befinden. Auch bei anderen Beamten ist das so.
Die wollen sich wichtig fühlen und mir „Sir“ oder „Madam“ angesprochen werden,
auch wenn sie nicht besser sind als ein gemeiner Krimineller. Denn unsere Party-Polizisten ließen
sich dann auch nur nach einer erfolgreichen Bestechung zum Gehen überreden. Das
ist hier einfach der Alltag in Indien. Und jeder, der mich kennt, wird wissen,
wie schwer es mir fällt, meinen Stolz herunterzuschlucken. Aber hier geht es
nicht mehr darum, seinem Chef nicht zu sagen, was man wirklich von ihm hält, sondern darum, sich nicht zur Zielscheibe von Machtmissbrauch zu
machen, weil man sich nicht beherrschen kann. Das kann hier Konsequenzen haben,
die man sich in Deutschland nie träumen lassen würde. Ich liebe das Land, aber
ich hasse dieses System. Und ich hasse die Menschen, die für dieses System arbeiten
und einem nur Steine in den Weg legen, weil sie nicht kulant sein können oder
in den meisten Fällen nicht sein wollen. Ich habe jedenfalls keine Lust, wegen
dieser sinnlosen Schikane eine oder mehrere Nächte in einem indischen Gefängnis
zu verbringen.
Ich kann mit absoluter Sicherheit sagen, dass es sich bei
meiner Registrierung um das absolut Schlimmste handelt, was mir je in meinem
Leben widerfahren ist. Mit Abstand. Es frisst einfach an mir und das schon seit
Wochen. Und dass es in den letzten Tagen nun derart eskalieren würde, hätte ich
mir nie träumen lassen. Ich habe in meinem Videolog gesagt, dass es viele
Sachen gibt, über die ich mich zwar aufregen kann, die mir aber mein
Gesamterlebnis nicht versauern, vor allem deshalb, weil die meisten Inder
außerhalb dieses Systems tolle Menschen sind. Das hat sich auch nicht geändert.
Ich weiß nur nicht, ob ich das immer noch für meine Gesamtbilanz sagen kann.
Ich werde das auch alles überleben, aber ich kann es euch mit Brief und Siegel
geben, dass Indien auf immer ein Schwellenland bleiben wird, weil es von
Korruption und Angst vor Terror durchsetzt ist bis ins Mark. Irgendwie werde
ich die Registrierung hinter mich bringen. Hoffentlich nicht auf Kosten meines Stipendiums.
Addendum: Mittlerweile ist eine Woche vergangen, seitdem ich den Post geschrieben habe. Ich bin unterdessen tatsächlich zu meiner Verification gekommen, aber lasst euch sagen, dass mir das auch nur mit viel Glück gelungen ist. Ich bin mittlerweile zu der Überzeugung gelangt, dass die Beamten niemals an Zameers Wohnung waren. Ganz einfach, weil sie keine Lust hatten und lügen bequemer ist und alle Indizien dafürsprechen. Ich bin dann wie gesagt am Mittwoch mit Sameer, also Zameers Freund, zur Polizeistation gegangen. Anfangs war der Beamte dort auch wieder sehr vorwurfsvoll. Aber als mein Begleiter dann den Namen eines ehemaligen Mitarbeiters dort nannte, der mittlerweile befördert und versetzt worden war, änderte sich der Ton des Gespräches auf einmal und der Mann wurde richtig entgegenkommen. Er schlug eine Zeit vor, die mir passte, weil ich an diesem Abend tatsächlich arbeiten musste und war dann auch kurz nach dem angegebenen Zeitpunkt an der Wohnung. Ich war natürlich extrem angespannt, aber er nahm einfach in der Stube platz, fragte nach meinen Dokumenten, machte seine Eintragungen und ging wieder. Das ganze dauerte zehn Minuten, in denen er unglaublich freundlich war und als er ging, sagte er mir, ich könne mir den Brief gleich morgen abholen. Wir schickten ihm dann noch Sameer hinterher, dass er ihm noch 200 Rupien in die Hand drückte – was er nach Aussage von Sameer auch erwartet hatte – und am nächsten Morgen hielt ich dann tatsächlich meinen Brief in Händen. Klar ist auf jeden Fall: Ohne Sameer wäre das niemals so reibungslos abgelaufen, wenn überhaupt. Ohne Kontakte ist man hier als Ausländer leider total aufgeschmissen, selbst wenn es manchmal nur darum geht, dass diese Leute ihren Job machen sollen. Aber so ist Indien. Ich werde die Tage auf jeden Fall noch einen weiteren Text zur Qualität der Polizei hier schreiben müssen...
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